|
Folge
4 - Die Eisenbahn in Würzbach
|
|
Die Eisenbahn in
und um Niederwürzbach !
Unsere Strecke von Schwarzenacker über Bierbach
nach Hassel mit einer Länge von 14,03 km wurde am 26. November 1866 eröffnet.
In Niederwürzbach dauerte es also 41 Jahre bis
die Eisenbahn von Stockton-Darlington in England über Nürnberg-Fürth in
Bayern zu uns kam. Die erste Strecke ins Saarland führte von Kaiserslautern über
Landstuhl nach Homburg. Der 35,39 km lange Abschnitt der Pfalzbahn war seit dem
1. Juni 1848 befahrbar. Die weiteren Strecken gingen nicht Richtung Niederwürzbach.
Am 6. Juni 1849 während der pfälzischen Revolution wurde Bexbach an das
Schienennetz angeschlossen. Anschließend offenbarte sich ein Hauptgrund der
Entstehung der Eisenbahn in unserem Gebiet. Die preußischen Kohlengruben
bekamen ihre Anschlüsse. Sie trugen zur wirtschaftlichen Ausnutzung der
Eisenbahn bei. Außerdem entstand über Sulzbach und Saarbrücken eine
Verbindung nach Paris.
Mit der Strecke von Homburg nach Zweibrücken
kommt die Bahn wieder Richtung Niederwürzbach. Der Anschluß von Zweibrücken
am 7. Mai 1857 an die Ludwigsbahn ermöglichte den Bau der Strecke nach St.
Ingbert über Niederwürzbach. Diese führte von Schwarzenacker über Ingweiler,
Bierbach, Lautzkirchen, Niederwürzbach nach Hassel. Die Weiterführung wurde
durch den Bau des Rothenkopf-Tunnels verzögert und erst am 1. Juni 1867 konnte
man bis nach St. Ingbert fahren.
Unsere Bahnstrecke wird unter der Regie der Pfälzischen
Ludwigsbahn gebaut. Pfälzisch, da unsere Gegend in der bayerischen Pfalz liegt,
und Ludwigsbahn, da zu dieser Zeit Ludwig I. König von Bayern ist. Die Pfälzische
Ludwigsbahn ist eine private Aktiengesellschaft. Ihr gegenüber steht im preußischen
Teil des Saarlandes die preußische Staatsbahn mit der königlichen
Eisenbahndirektion Saarbrücken.
Im Vorfeld des Eisenbahnbaus, am 11. April 1845,
wird die Gemeindegrenze zwischen Niederwürzbach und Ommersheim nach Süden
entlang der Straße Niederwürzbach-Hassel verlegt. Dies betrifft den Bereich
westlich vom Roten Bau bis zur Spitze des Junkerwald bzw. zum Viadukt über die
Straße zum Junkerwald.
Anläßlich der Wappenverleihung am 22. Juli 1965
wird Bürgermeister Hartz von Otto Hemmer ein altes Schreiben seines Großvaters,
der sich als Mitglied des Niederwürzbacher Gemeinderates intensiv für den Bau
der Bahnlinie durch den Ort einsetzte, übergeben. Otto Hemmer selbst ist im
Bahnhof Würzbach geboren und sein Vater August Hemmer ist im I. Weltkrieg
Bahnhofsvorsteher in Würzbach.
In einem Schriftstück aus dem Stadtarchiv
Blieskastel vom 19. März 1865 ist folgendes zu entnehmen. Das königliche
Bezirksamt Zweibrücken beruft drei Experten, die der Pfälzischen Ludwigsbahn
behilflich sind, Grund und Boden zu erwerben zum Bau der Bahnstrecke Homburg -
St. Ingbert. Den einen aus Blieskastel, den zweiten aus Niederwürzbach und den
dritten aus St. Ingbert. Aus Niederwürzbach wird Herr Johann Dahlem, Müller in
Niederwürzbach, berufen.
Im Bereich des Bahnhofs werden umfangreiche
Dammbauarbeiten notwendig. Das Gesicht des Würzbacher Weihers wird hier radikal
verändert. Die Südseite vom Damm weg Richtung Westen wird begradigt und
befestigt.
Die Fläche des Weihers wird sowohl im vorderen
Teil des Bahnhofs als auch im linken Weiherarm Richtung Hassel kleiner.
Das Tal in Mitten des Dorfes und der Lauf des Würzbachs
werden durch den Bahndamm geteilt. Der Würzbach bleibt zum größten Teil in
den Bruchwiesen und ein kleiner Teil, der bis zum Bahnübergang in der Kirkeler
Str. führt, verbleibt im Kuhschwanz. Häuser werden durch den Bahnbau nicht
betroffen.
Ab 1866/67 gibt es Erleichterung für die
Bergleute. Durch die Bahn kommen sie schneller und dadurch öfter nach Hause und
zur Arbeit. Als Ergänzung hierzu empfehlen wir die Geschichte " Es
Holzbittsche" aus Folge 1, Seite 19.
Im September 1868 fuhren drei Züge nach St.
Ingbert und vier kamen von dort. Dies erfahren wir aus dem Fahrplan der Linie
Landstuhl-Kusel vom 22. September 1868. Die Fahrt von Zweibrücken nach St.
Ingbert kostete in der ,,Ersten Classe'' 76 Kreuzer, in der zweiten 61 kr und in
der dritten 15 kr.
Die Bahnstrecke Homburg - St. Ingbert über
Niederwürzbach ist eingleisig. Diese Strecke liegt ungefähr von Km 108,75 bis
Km 112,25, also 3,5 km, auf Niederwürzbacher Bann. Im Bereich des Bahnhofs wird
die Linie von Km 110,75 bis Km 111,5, also 750 Meter, zweigleisig. Bis nach dem
II. Weltkrieg waren zwei Gütergleise vorhanden. Das erste kleinere von ca. 100
Metern Länge lag von der Höhe des Güterschuppens bis zum Bahnwärterhäuschen
am Damm. Von ihm aus konnte der Güterschuppen erreicht werden. Das zweite größere
Gütergleis über 250 Meter ging vom Damm bis zur Höhe der heutigen Fischerhütte.
Im Teil zum Damm hin gab es eine Gleiswaage und ein Lademaß.
An der Strecke von Lautzkirchen her gab es fünf
Bahnwärterhäuschen, die mit dem Würzbacher Bahnhof verbunden waren. Das erste
stand ausgangs Lautzkirchen zum Hang hin rechts von der Straße vor dem Bahnübergang.
Das zweite steht noch an der ersten Zufahrt zur Breiter Mühle direkt hinter dem
unbeschrankten Bahnübergang. Es wird heute von Anglern genutzt. Das dritte Häuschen
stand an der zweiten Zufahrt und war mit dem zweiten verbunden. Ihm angebaut war
ein kleines Wohnhaus, das von einer Familie Bruch bewohnt wurde. Zwischendrin
war ein Übergang zum Höhhof, der heute nicht mehr existiert. Das vierte Wärterhäuschen
war in der Kirkeler Straße. Es lag südlich der Bahnlinie links vor dem Übergang
und hatte die Nummer 346. Vor dem II. Weltkrieg war ein Herr Jacob aus Rohrbach
Schrankenwärter. Otto Freyer war hier auch tätig. Nach dem Krieg wurde das Häuschen
lange Zeit von Johann Bruch bedient.
Das fünfte Bahnwärterhäuschen war direkt am
Bahnhof. Es stand links vor dem Übergang, wenn man Richtung Norden sieht. Hier
waren Johannes Groh, Eligius Schwarz und Philipp Weber tätig. Während den
Kriegsjahren arbeiteten Frauen in den Wärterhäuschen. Hinter dem Bahnhof,
Richtung Hassel, war ein Übergang gesichert mit Drehkreuzen. Ein Weg führte
hinter dem Roten Bau von der Straße ab, am Grottenweiherchen vorbei über die
Schienen zu den Gärten oder zum Junkerwald.
Östlich vom Bahnhof war ein Kohlenlager der
Firma Jacob aus Rohrbach. Ein alter Mann saß in einer kleinen Bude mit Öfchen
und kleine Kinder bekamen ab und zu Geschichten erzählt. Zum Bahnhof hin führte
eine schöne Kastanienallee mit einem idyllischen Bächlein zum Süden hin. Auf
dem Vorplatz war eine Pumpe. Da im I. Weltkrieg noch keine Wasserleitung lag,
war der Portier zuständig für das Wasserholen.
Das Bahnhofsgebäude an sich bestand aus mehreren
Teilen. Zuerst kam vom Damm aus ein kleines Häuschen, dann der Güterschuppen,
anschließend das Hauptgebäude mit dem eingeschossigen Anbau und zuletzt noch
ein kleines Häuschen. Von dem Zweck des ersten Häuschen liegen keine
Informationen vor. Der Güterschuppen bestand aus einer Gepäckhalle mit einem
absperrbaren Lattenverschlag und einer Wohnung. In der Zeit von 1910 bis 1920
wohnte hier der Portier, ein Herr Bräuer. Der Portier war zuständig für die
Sauberkeit im und um den Bahnhof. Außerdem knipste er die Fahrkarten an der
Sperre in der Vorhalle ab. Im Lagerraum wurden Waren abgeschickt und abgeholt.
Größere Fuhren wurden auf der Weiherseite direkt vom Fuhrwerk in den Waggon
umgeladen. Die meisten Fuhren waren aus dem Gau. Eine gelbe Postkutsche brachte
früher täglich Briefe und Fracht in die näher und weiter gelegenen Dörfer
Seelbach, Aßweiler und Biesingen. Bis nach dem I. Weltkrieg war der
Bahnhofsvorstand zuständig für Bahn und die Post.
In dem Hauptgebäude waren das Chefzimmer, ein
Luftschutzraum, der Dienstraum und die Vorhalle verteilt. Im ersten Stock und
unterm Dach befanden sich Wohnungen. Im Anbau lag der Gepäckraum mit
Rollfenster zur Vorhalle und der Warteraum. Im ersten Weltkrieg waren es noch
drei Warteräume. Einer war für den Notfall abgesperrt, einer für die erste
Klasse und einer für die zweite und dritte Klasse. Im letzten kleinen Häuschen
waren die Toiletten untergebracht. Desweiteren gab es noch einen kleinen Gewölbekeller
in dem Schmieröl, Petroleum und Ersatzteile lagerten.
Im Dienstraum gab es einen Schrank für
Fahrkarten, einen Schrank für den Vorrat an Fahrkarten, einen Arbeitstisch mit
Morseapparat und Telefonen, ein Telefon an der Wand brachte die Verbindung zur
Oberzugleitung, einen Kanonenofen, und das Stellwerk. Dies bestand aus einem
Schubstangenkasten. Die Gleissperre war blau gefärbt, die Weichen- und
Signalbank waren rot. Daneben gab es einen 5-feldigen Streckenblock, eine Tafel
mit Instrumenten zur Zugfreigabe. Außerdem stand im Dienstraum noch ein Tisch
mit Stühlen, an dem die Bediensteten arbeiteten oder Pause machten. Auch war
ein Fenster zur Vorhalle vorhanden, das als Schalter zur Abfertigung der
Bahnreisenden diente.
Das Reisepublikum bestand aus Bergleuten, Schülern
und Gelegenheitsgästen. In der Zeit nach 1910 hatten die Züge 4 Klassen. Die
erste war rot gepolstert, die zweite grün gepolstert, die dritte war aus Holz
und etwas vornehm und die vierte aus Holz und billig.
Die Bevölkerung von Niederwürzbach wächst in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon stark an (100 Ew mehr in 10
Jahren). Durch die Verkehrsanbindung mit der Eisenbahn steigt die Zahl deutlich
an (150 Ew mehr in 10 Jahren). Technische Verbesserungen der Lokomotiven und der
Waggons und ein deutlich größeres Angebot an Zügen und natürlich eine
Verbesserung der Infrastruktur im Umland reißen Niederwürzbach aus dem Schlaf.
Anfang des 20. Jahrhunderts wächst unser Ort um 300 Ew in 10 Jahren, in der nächsten
Dekade sogar um 550 Ew.
Die Bliestalbahn wurde am 1. April 1879 eröffnet
und führte von Zweibrücken über Einöd, Bierbach zu der Reichsgrenze bei
Reinheim. Im gleichen Jahr am 15. Oktober wurde die Strecke St. Ingbert-Saarbrücken,
die über die bayrisch-preußische Grenze führte, eingeweiht.
Der erste namentlich bekannte Bedienstete ist ein
Carl von Traitteur. Er wird in einer Geburtsurkunde von 1890 aus dem Standesamt
Blieskastel als Bahnhofsverwalter, wohnhaft in Niederwürzbach, genannt.
Josef I. Keller war vermutlich zu dieser Zeit
schon Bahnmitarbeiter, da er im Adreßbuch 1911/12 schon als pensionierter
Bahnwart erwähnt wird.
In den Jahren 1891/92 wird eine Backstein- und
Ziegelfabrik errichtet. Sie erhält einen Bahnanschluß. Er besteht aus einem
Abzweig von der Hauptstrecke, der sich in zwei Gleise aufteilt, die auf
Firmengelände liegen. Der Abzweig beginnt kurz hinter dem Bahnübergang am Damm
in östlicher Richtung, ca. bei Km 110,6. Die Firma profitiert von der nahen
Bahn und die Bahn hat Güterfrachten. Mit den Backsteinen werden etliche
Bahnhofsbauten in unserer Gegend gebaut, außerdem große Teile der Schmelz in
St. Ingbert.
Durch den schlechten Zustand des
Rothenkopf-Tunnels wurde der Bau einer Umgehungsbahn notwendig.
Am 30. August 1895 erfolgte eine technische
Revision. Ein Regierungs- und Kreisbaurat und eine Kommission von Sachverständigen
befuhren in einem aus Lokomotive mit Tender, Packwagen und Salonwagen
bestehenden Zug die Strecke und begutachteten sie.
Am 7. September 1895 um 5 Uhr zwanzig Minuten
wurde die neue Strecke dem Verkehr übergeben.
Am selben Tag passierten drei Militärzüge um
die Mittagszeit die Strecke. Der letzte Zug beförderte 1300 Soldaten.
Um 1894/95 ab Km 15,1 (heutiger Km 111,1) also
direkt hinter dem Bahnhof Niederwürzbach wurde der Bahndamm für die neue
Trassierung schon angehoben. In Höhe der Kreuzung Nw, Ow und Hassel biegt die
neue von der alten Trasse ab Richtung Norden am Berghang des Triebscheiderhofes.
Am 7. September 1895 wurde die Strecke von
Niederwürzbach über Hassel und Rohrbach nach St. Ingbert in Betrieb genommen.
Als Literatur empfehlen wir hierzu ,,Die Eisenbahn in Rohrbach" von
Friedrich Müller.
Aus einem Fahrplan, ich nehme an von vor der
Jahrhundertwende, entnehmen wir, daß fünf Züge sowohl in Richtung
Homburg/Zweibrücken als auch in Richtung St. Ingbert fahren. Die Züge haben
Zugnummern von 31 bis 71 und haben Wagen der ersten bis dritten Classe.
Mit dem Anwachsen des Verkehrsaufkommens sind
auch die Anforderungen des Betriebes auf den immer wieder erweiterten
Rangierbahnhöfen gestiegen. Man entschließt sich für einen Drei-Kuppler
(1889). Die Maschinen, von Maffei entwickelt, sollen sowohl für den
Rangierdienst als auch zur Personenbeförderung auf Lokalbahnen verwendet
werden.
Von der C-T, Gattung T3, wurden 27 Stück
(1889-1903) beschafft. Einzelexemplare haben sich bis in die fünfziger Jahre
gehalten. Mehrere T3 sind für die Personenzugförderung mit Luftdruckbremse,
Dampfläutewerk und Dampfheizungsvorrichtung ausgerüstet worden. Diese
C-n2-T-(spätere Gattung T3-)Maschinen wurden auf verschiedene Namen getauft,
Homburg, Zweibrücken, Einöd, Hassel, Bierbach, Altstadt, Blickweiler und
andere. Die 1897 von Maffei gebaute T3 mit der Betriebsnummer 203 bekam den
Namen ,,Würzbach". Mit der Fabriknummer 1907 kam sie zur Deutschen
Reichsbahn unter der DR-Nr. 89 106. Der Verbleib ist leider unbekannt. Diese
Lokomotive ist auf dem Titelbild abgebildet. Es ist allerdings eine Fotomontage.
Das Bildoriginal zeigt die Lok ,,Potzberg" und der Name ,,Würzbach"
ist darübergearbeitet.
Die Konkurrenzlinie zur Strecke
Homburg-Bierbach-St. Ingbert, die strategische Bahn über Kirkel, wurde erst am
1. Januar 1904 eingeweiht. Diese Linie wird später zur Hauptstrecke nach Saarbrücken.
Also lief der gesamte Verkehr zwischen Homburg und St. Ingbert 38 Jahre lang über
Niederwürzbach.
Am 1. Januar 1909 kauft der Bayerische Staat die
private Ludwigsbahn für 300 Millionen Mark auf. Die Königlich Bayerische
Staatsbahn übernimmt 12.000 Mitarbeiter, 872 Streckenkilometer und 350
Lokomotiven. Ludwigshafen wird jetzt königlich bayerische Eisenbahndirektion.
Als nächste Quelle steht uns das Adreßbuch der
Pfalz von 1911/12 zur Verfügung. Hier werden folgende Personen genannt: August
Hemmer, Vorstand (er ist später in St. Ingbert und Saarbrücken Oberinspektor);
Karl Kumpfmüller, Sekretär, stammte aus München in Bayern, er war ein
ausgezeichneter Sportler, schwamm rund um den Weiher und konnte gut Schlittschuh
laufen; Heinrich Schulte, Sekretär, kam aus der Neunkircher Gegend und war als
Krankenpfleger und Sanitäter ausgebildet. Jeder Bahnhof mußte einen Sanitäter
als Mitarbeiter haben. August Schowalter, Portier; Johann Gassert, Portier; Paul
Degel, Weichenwärter; Wilhelm Annawald, Weichenwärter; Peter Luck, Weichenwärter;
Jacob Becker, Bahnarbeiter; Peter Becker, Bahnwart; Peter Huter, Wirt und
Bahnspediteur; Josef I. Keller, pens. Bahnwart; Karl Unbehend, Stationsdiener.
Am 15. Dezember 1913 wurde der erste Teil der
Hornbach-Bahn mit 9,39 km Länge von Zweibrücken nach Hornbach eröffnet. Die
4,17 km lange Strecke nach Brenschelbach wurde drei Jahre später am 1. Oktober
1916 eingeweiht.
Ab 31. Juli 1914 wird der Güterverkehr der
grenznahen Regionen eingestellt. Am 3. August 1914 wird der Friedensverkehr
eingestellt, damit der Militärfahrplan in Kraft treten kann.
Im Garten des Vorstehers Hemmer waren die Äpfel
gerade reif, als ein Zug mit Soldaten hielt (Ausweichmöglichkeit der
eingleisigen Strecke) und die schönen Äpfel waren fast alle weg.
Vom 1. September 1916 liegt uns ein Ausweis des
Bahnarbeiters Karl Schaller vor. Er war der Militärischen Eisenbahndirektion 2,
Betriebsamt 2 unterstellt. Mit diesem Ausweis war Schaller berechtigt zum
dienstlichen Betreten der Bahnanlagen im besetzten belgischen und französischen
Gebiet.
Während des Stellungskrieges rollten verstärkt
Soldaten und Materialzüge durch das Würzbachtal nach Saarbrücken. Am Anfang
sangen die begeisterten Soldaten noch ,,siegreich wollen wir Frankreich
schlagen" oder ,,Heil unserem König". Im Krieg gab es kein Petroleum,
man mußte sich mit Kerzen behelfen. Später sah man in den Waggons Verwundete,
die von der Front kamen und verpflegt wurden. Nach dem Krieg waren zuerst zurückgehende
deutsche Soldaten mit einem arroganten Oberst einquartiert, dem folgte ein
grober französischer Oberst, der schließlich drei netten französischen
Offizieren Platz machte, die froh waren, daß der Krieg zu Ende war. Nach dem I.
Weltkrieg wurde das Saargebiet dem Völkerbund unterstellt und es entstanden die
Saarbahnen mit der Direktion Saarbrücken. 82,5 km der bayerischen Strecken gehörten
nun zur Saar. In den Zwanziger Jahren stieg der Bahnverkehr stark an.
Aus dem Personenverzeichnis des Kreises von 1933
gehen folgende Namen hervor: als Eisenbahnarbeiter: Peter Becker, Peter Degel,
Johann Groh, Heinrich Holste, Karl Huth, Adam Kuhn, Friedrich Neff, Joseph
Priester, Eligius Schwarz, Philipp Weber; als Eisenbahnschreiner Johann Hauck;
als Eisenbahnschlosser Peter Meiers; als Betriebsassistent Emil Krauß, Karl
Schaller, Johann Schnepp; als Bahnhofsvorsteher Karl Lindemann; außerdem sind
erwähnt Paul Degel als Oberbahnwart a. D. und Andreas Krämer als technischer
Eisenbahnsekretär.
Der Personenausweis Nr. 47 vom 14. August 1934
gibt uns Auskunft über Peter Degel. Er steht als ,,BUA" im Dienst der
Eisenbahndirektion des Saargebiets, ausgestellt von der Bahnmeisterei Bierbach.
1935 gehen die Saarbahnen in die Deutsche
Reichsbahn über. Die neue Reichsbahndirektion Saarbrücken übernimmt große
Teile außerhalb des Saargebietes, so Kaiserslautern und Zweibrücken.
Mit Anfang des II. Weltkriegs trug die Bahn die
Hauptlast der Evakuierung der Bevölkerung des gesperrten Gebiets. Im Krieg kam
der zivile Verkehr fast vollständig zum Erliegen. Hauptsächlich wurden
Soldaten und Kriegsmaterial befördert.
Im Jahre 1942 kostete der Schienenkilometer in
der ,,Dritten Classe" pro Person 4 Pfennig.
Ein Zwischenfall im Krieg passierte zwischen 1942
und 1944 auch in Würzbach am Bahnhof. Nachdem der Personenzug von Lautzkirchen
durch war und ein Güterzug noch auf den Gleisen stand, wurde dieser um die
Mittagszeit von zwei oder mehr Jabo’s angegriffen. Sie kamen vom Kieselberg
her und beschossen den Zug. Die Lok hatte ein Leck im Dampfkessel und der Zugführer
der sich im Gepäckwagen befand, wurde erschossen. Ein Lehrbub vom Bahnhof lief
so schnell zum Luftschutzraum, daß er sich den Kopf am davorstehenden
Kanonenofen stieß.
Im Krieg wurden die Bahnanlagen schwer in
Mitleidenschaft gezogen. Zum Kriegsende beförderte wieder die Bahn die
restliche Bevölkerung aus der Grenzregion.
Die ersten Instandsetzungen nach dem Krieg führten
die Amerikaner aus. In Zusammenarbeit mit deutschen Bahnarbeitern wurden erste
Strecken in Gang gesetzt. Bahnhofsvorsteher nach dem Krieg war ein Herr
Buchheit, der von Rudolph Welsch aus Wecklingen abgelöst wurde.
Aus einer statistischen Erhebung von 1946 betreff
Wiederaufbau entnehmen wir folgende Tabelle:
|
Zahl der
Reisenden
|
1939 |
1945 |
|
mittlerer
Tagesverkehr
|
|
|
|
ankommend
|
820 |
420 |
|
abfahrend
|
860 |
480 |
Ab 1947 ging die Eisenbahn in saarländischen
Besitz über und hieß SEB (Saarländische Eisenbahn). Der Fahrplan der
Eisenbahn- und Kraftpostlinien im Bliesgau von 1952 weist zwölf Züge in
Richtung St. Ingbert und fünfzehn Züge in Richtung Homburg/Zweibrücken auf.
Ab 1957 wurde das ganze Bahnwesen in die Deutsche
Bundesbahn mit der Bundesbahndirektion Saarbrücken integriert.
Weitere Bahnmitarbeiter, die in Würzbach tätig
waren oder aus Niederwürzbach stammen: Werner Bartscherer, Peter Bieg, Johann
Bruch, Otto Groh, August Haberer, Leo Hauck, Heinz Hess, Oskar Krämer, Ewald
Krauß, Michael Meier, Peter Meiers, Ludwig Prechtl, Oswald Rebmann, Walter
Schwarz, Otto Sutter, Rudolph Welsch, Stefan Welsch, Kurt Wesely, Otto Freyer,
Werner Bartscherer.
Der Preis für den gefahrenen Bahnkilometer
betrug 1961 in der zweiten Klasse 10 Pfennig.
Unsere Strecke ist im Laufe ihres Bestehens von
vielen Personen- und Güterzügen befahren worden. Sie wurden von verschiedenen
Dampf- und Dieselloks gezogen oder waren Triebfahrzeuge. Da unser Abschnitt
nicht elektrifiziert ist, kann er nicht von Elektroloks befahren werden. Die
Strecke Saarbrücken-Homburg wurde erst Anfang der sechziger Jahre
elektrifiziert und bildet heute die Hauptverbindung aus dem Saarland.
Ende der sechziger Jahre wurden die Bahnübergänge
von Voll- auf Halbschranken umgestellt. Da Lokalpolitiker und Eltern die
Sicherheit von Kindern und Bürgern gefährdet sahen, wurde Himmel und Hölle in
Bewegung gesetzt, um dies zu verhindern. Heute, gut 30 Jahre danach, kennt man
nichts anderes als Halbschranken. Die alten Vollschranken dienen auch heute noch
zur Begrenzung, allerdings einer Sandgrube. Sie sind total überwuchert und
verrotten langsam. Um 1970 wurde der Güterschuppen von einer Abbruchfirma
abgerissen. In Kürze entstand an seiner Stelle eine Parkfläche. Einst
Umschlagplatz für die Güterbeförderung großer Teile des Gaues, war der Güterschuppen
ein wichtiger Bestandteil der Bahn.
Einer der letzten Bahnmitarbeiter im Bahnhof war
Egon Wesely. Der letzte Vorstand ist Walter Schwarz aus Lautzkirchen.
Nachdem der Bahnhof geschlossen wurde, wurde er
1980 verkauft. Die Ehepaare Lichter und Reiter eröffneten darin eine Kneipe,
den ,,Bahnhof Würzbach".
Zum 1. Januar 1994 übernahm die private Deutsche
Bahn AG die staatliche Bundesbahn.
Klaus Ruffing
|
Tabelle der
Strecken in der Umgebung:
|
|
1.
|
Kaiserslautern-Homburg
|
35,09 km
|
01. 06. 1848
|
|
2.
|
Homburg-Bexbach
(Grenze)
|
8,76 km
|
06. 06. 1849
|
|
3.
|
Neunkirchen-Saarbrücken
|
26,77 km
|
16. 11. 1852
|
|
4.
|
Homburg-Zweibrücken
|
12,00 km
|
07. 05. 1857
|
|
5.
|
Schwarzenacker-Hassel
|
14,03 km
|
26. 11. 1866
|
|
6.
|
Hassel-St.
Ingbert
|
5,74 km
|
01. 06. 1867
|
|
7.
|
Zweibrücken-Reinheim
(Grenze)
|
25,90 km
|
01. 04. 1879
|
|
8.
|
St.
Ingbert-Scheidt (Grenze)
|
6,00 km
|
15. 10. 1879
|
|
9.
|
Saarbrücken-Scheidt
|
2,68 km
|
15. 10. 1879
|
|
10.
|
Hassel-Rohrbach-St.
Ingbert
|
5,70 km
|
07. 09. 1895
|
|
11.
|
Homburg-Kirkel-Rohrbach
|
15,06 km
|
01. 01. 1904
|
|
12.
|
Zweibrücken-Hornbach
|
9,39 km
|
15. 12. 1913
|
|
13.
|
Hornbach-Brenschelbach
|
3,71 km
|
01. 10. 1916
|
|
Zwei dieser
Strecken sind heute geschlossen. Nachdem die Hornbach-Bahn schon länger
abgebaut ist, wurde die Bliestalbahn in unseren Tagen demontiert.
|
Josef
Ritter und Edler von Traitteur
Bei meinen Nachforschungen über Dr. Johannes Rößler
erzählte mir der in St. Ingbert lebende 88-jährige Dr. phil. Erich Bopp, der
vielen ehemaligen Pfadfindern bekannt ist, daß in Niederwürzbach Anfang des
Jahres 1890 ein Ritter und Edler getauft wurde. Mir kam sofort der Gedanke, dies
im Taufregister der Pfarrei zu erkunden. Wie man aus nachfolgendem Eintrag
ersehen kann, ist am 17. Januar 1890 ein Josephus de Traitteur getauft worden.
Sein Pate war der Bruder seiner Mutter, war
Rechtsanwalt und stammte aus Trurhtersheim (Truchtersheim) im Elsaß, das damals
zum Deutschen Reich gehörte. Mich interessierte nun wo und wann dieser Josef
geboren wurde. Beim Standesamt Blieskastel, wo jetzt sämtliche Geburts-,
Heirats- und Sterberegister von Niederwürzbach aufbewahrt werden, ist im
Geburtsregister unter 4 dieses Jahres 1890 folgender Eintrag zu finden:
Niederwürzbach am 22. Januar 1890
Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien
heute, der von Traitteur Carl Persönlichkeit nach bekannt der Bahnhofsverwalter
Carl von Traitteur wohnhaft in Niederwürzbach protestantischer Religion, und
zeigte an, daß von der Katharina von Traitteur geborene Alexander, katholischer
Religion wohnhaft bei ihm in Niederwürzbach in seiner Wohnung am siebzehnten
Januar des Jahres tausend acht hundert neunzig vormittags um acht Uhr ein Kind männlichen
Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Joseph erhalten habe.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
Carl von Traitteur
B. Dreßler
Gemäß Verfügung des königlichen Landgerichts
zu Zweibrücken vom 11. Mai 1890 wird berichtigend vermerkt, daß in nebigem
Geburtsakt statt der Worte ,,Carl von Traitteur" gelesen werde ,,Carl
Ritter von Traitteur".
Der Standesbeamte
B. Dreßler
Wie lange die Traitteurs in Würzbach gewohnt
haben, weiß man nicht. Josef Ritter und Edler von Traitteur begann 1910 mit dem
Wintersemester sein Studium in München und vollendete sein theologisches
Studium in Würzburg, wo er am 2. August 1914, einen Tag nach der Mobilmachung
zum ersten Weltkrieg, zum Priester geweiht wurde. Sein priesterliches Wirken
begann er von 1914 bis Ende 1924 als Kaplan in Amorbach und Nüdlingen bei Bad
Kissingen. Von 1925 bis 1932 war er Schloßkurat auf dem Schloß Löwenstein in
Kleinheubach bei Mildenberg am Main, bei Fürst Alois zu Löwenstein, dessen
Vater Fürst Karl Heinrich zu Löwenstein (1834-1921) 4 Jahre vorher gestorben
war. Dieser war von 1872 bis 1898 Kommissar des Deutschen Katholikentages. Ab
1920 bis 1933 war es Fürst Alois zu Löwenstein und nach dem Zweiten Weltkrieg
ab 1947 dessen Sohn Fürst Karl zu Löwenstein. Die Löwensteins waren eine
namhafte Laienfamilie und haben sich um den Deutschen Katholizismus verdient
gemacht.
Von 1932 bis 1957 war Ritter und Edler von
Traitteur Pfarrer in Rück-Schippach bei Mildenberg am Main. Er war ein von der
Bevölkerung und von der Geistlichkeit geschätzter Priester. Als er 1957 in den
Ruhestand trat, blieb er weiter in seiner Seelsorgegemeinde wohnen. Anläßlich
seiner Pensionierung wurde ihm die Würde eines Ehrenbürgers von seiner
Gemeinde verliehen. Von Traitteur, der 1974 sein diamantenes Priesterjubiläum
feiern konnte, errang durch seine unermüdliche Hilfsbereitschaft, seine Güte
und Selbstlosigkeit hohe Achtung und Verehrung bei der Bevölkerung. Am 2. Mai
1976 verstarb er 86-jährig in Rück-Schippach.
Peter Degel, St. Ingbert
Ein
Niederwürzbacher Flurname: Am Bremmenweiher
Unsere Vorfahren betrieben eine ausgedehnte
Teichwirtschaft, die nicht nur eine Fastenspeise lieferte, sondern damals auch für
die Volksernährung bedeutsam war. Wo es möglich war, legte man Teiche an, die
heute fast alle verschwunden, d.h. trockengelegt und anderweitiger Nutzung zugeführt
worden sind. Zum Teil leben sie noch in Flurbezeichnungen wie ,,Am
Bremmenweiher" weiter.
Wo lag dieser Bremmenweiher? Folgt man dem Pfad
am Ende der Straße ,,Zur Schmalzgrube", so senkt sich dieser bald hinab in
das sumpfige Tal des Kirkeler Talbachs, der etwas unterhalb in den Würzbach mündet.
Wir befinden uns im Bereich des ehemaligen Bremmenweihers. Der Weiher ist
verschwunden, die Weiherfläche durch Schlammablagerung weitgehend aufgefüllt
und mit Erlen bewachsen. Reste des Dammes sind noch erhalten. An einer Engstelle
– hier kommen sich die 230 m-Höhenlinien der beiden Talseiten sehr nahe –
quert er das Tal, so daß man trockenen Fußes auf die andere Talseite gelangt.
Unterhalb des Dammes weitet sich das Tal zum Würzbachtal hin.
In der Umgebung wachsen heute noch viele Bremmen,
die dem Weiher ehemals den Namen gaben. Der Besenginster wird nämlich im
Volksmund "Bremmen" genannt. Auch die ,,Goldene Bremm" auf der
Gemarkung Saarbrücken verdankt dem gelbblühenden Besenginster ihren Namen.
Oberhalb des Bremmenweihers lag ein weiterer
Weiher, der ebenfalls vom Kirkeler Talbach gespeist wurde, der Holzweiher.
Auf der Karte von Tilemann-Stella von 1564 sind
die beiden Weiher nicht eingezeichnet, obwohl der Bremmenweiher bereits 1553 erwähnt
wird: ,,Item oben an dem weyer zwischen Würtzbach und Castler wald ligt ein
leichweyergen heißt Bremerweyergen" (Krämer, W., 1933, S. 33. Das Amt
Blieskastel nach dem Bericht des kurtrierischen Amtmannes Hans Sulger vom Jahre
1553, Saarbrücken).
Anmerkung von Krämer: Man vermutet ,,Bremmen"
= Ginster.
In einer Nachricht über die Weiher in der
Herrschaft Blieskastel aus dem Jahre 1667 heißt es: ,,Item der Bremer Weyer bei
Niederwürtzbach ist den 17. Marti 1666 besetzt mit großen Setzlingen von
Hinsingen 457 Stück. Selbig dato in Holtzweiher von obgemelten Speißlingen
gesetzt 300 Stück worden. Selbiger Weyher ist im Julio ausgerissen in der Nacht
und sind die Fische alle in Bremer Weyer so er ist unten daran gelegen
geblieben. Sind also darin 757 Stück" (Spies, H., 1977, S. 58. Burg, Schloß
und Amt Blieskastel, Homburg).
Der Hinsinger Weiher gehörte zu dem
lothringischen Dorf Welferdingen bei Saargemünd. Über diesen Weiher heißt es
1712, daß er 2500 Fische nähren kann (Kirch, J.P., 1932, S. 119. Geschichte
von Welferdingen, Saarbrücken). Die genauen Zahlen setzen eine planmäßige
Fischzucht voraus und bezeugen die hohe Bedeutung der Weiher in der damaligen
Zeit.
Auch Ludwig Eid erwähnt bei seiner Aufzählung
der vielen Weiher, die es zur Zeit der Regentschaft Mariannes von der Leyen
(1775-1791) gab, den ,,Breimen- oder Bremenweiher" und den
,,Holzweiher" (Eid, L., - Krämer, W., 1980, S. 164. Reichsgräfin Marianne
von der Leyen, St. Ingbert).
Doch schon für das Jahr 1804 heißt es: ,,Der
Brehmenweiher wird, da der Damm ganz zernichtet ist, als Wiese benützt"
(ein Bericht der Verwaltung Blieskastel aus dem Jahre 1804 mitgeteilt von Dr.
Wolfgang Krämer, Gauting). Damit teilt der Bremmenweiher das Schicksal vieler
anderer Teiche ,,rund um den Würzbacher Weiher".
Dieter Hemmerling
Unser
Ehrenbürger Dr. Johannes Rößler
Porträt eines mannhaften Gegners
des Nationalsozialismus
Immer wieder kann man die
berechtigte Frage hören, wie der Nationalsozialismus in Deutschland einen solch
beherrschenden Einfluß gewinnen konnte, der sich so verheerend auf einen Großteil
der Welt auswirkte. Viel prekärer wird die Frage, wenn man sie ganz gezielt auf
das Verhältnis Nationalsozialismus und die Bevölkerung unseres Heimatortes
stellt. Für die jüngere und mittlere Generation wird es aus ihrer heutigen
Sicht wohl immer unverständlich bleiben, wie eine politische Bewegung eine
solche Staatsallmacht erringen konnte, insbesondere bei den von ihr verfolgten
politischen, z.T. teuflischen Zielen.
Meines Erachtens war dies nur möglich,
weil neben den verbohrten, alles bejahenden echten Nationalsozialisten die
weitaus überwiegende Zahl der Bürger aus welchen Gründen auch immer - sei es
aus Angst oder teilweiser Zustimmung - einen Kompromiß zwischen staatstreuem
Verhalten und widerwilliger Gefolgschaft zum Nationalsozialismus suchte.
Die Zahl derer, die diesem Regime
mehr oder weniger offen, aber doch unmißverständlich ihre Unterstützung
versagten, war verschwindend gering. Offene Gegnerschaft war praktisch nur bis
zur Saarabstimmung 1935 möglich, danach aber nur noch im Untergrund, und auch
da mit Gefahr für Leib und Leben verbunden. Trotzdem gab es eine Reihe von Bürgern,
deren oppositionelle Haltung allgemein bekannt war, wenn sie sich auch mit Taten
zurückhielten. Hier läßt sich bei grober Übersicht eine Zweiteilung
vornehmen: einmal eine politisch sozialistisch geprägte Gruppe, von denen
einige sogar schwerste Verfolgungen teils bis zum Tod auf sich nahmen, zum
anderen mehr Einzelpersonen, denen auch bei politischen Fragen ihr Gewissen
stets höchste Richtschnur war. Aus letzterer nicht organisierter Gruppe ist
einer besonders zu erwähnen, zumal er in unserer Dorfgeschichte deutliche
Spuren hinterlassen hat.
Johannes Rößler wurde am 05.
Februar 1882 in der Weinanbaugemeinde St. Martin als Sohn bescheidener Eltern
geboren. Seine Jugend verbrachte er in Bergzabern, wo sein Vater beruflich tätig
war. Hier besuchte er auch die damalige Lateinschule und machte im Jahre 1902 am
Humanistischen Gymnasium in Landau das Abitur. Noch im gleichen Jahr begann er
das Studium der Philosophie und Theologie an der Universität in Innsbruck. Im
Jahre 1906 weihte Bischof Konrad von Busch (1905-1910) ihn im Dom zu Speyer zum
Priester. Doch zunächst wurde er nicht als Seelsorger eingesetzt, sondern zum
Weiterstudium nach Würzburg beurlaubt, wo er mit einer heute noch lesenswerten
Dissertation zum Doktor der Theologie über den vorletzten Speyerer Fürstbischof
Damian August Philipp Karl Graf von Limburg-Styrum (1770-1779) – der eine
besondere Rolle spielte, als er sich entschieden gegen die romfeindlichen
Machtansprüche der durch die ,,Emser Punktation" (1786)
zusammengeschlossenen deutschen Erzbischöfe wandte, und 1794 vor den französischen
Revolutionstruppen flüchten mußte, promovierte.
Nach Kaplanjahren in Lingenfeld,
Dudenhofen, Offenbach (Pfalz), Ludwigshafen St. Sebastian, Neustadt, Deidesheim,
als Pfarrverweser in Berghausen wurde Dr. Rößler 1916 Pfarrer in der westpfälzischen
Diasporagemeinde Breitenbach. Der Krieg 1914-1918, das Kriegsende und die
Nachkriegsnot waren in dieser Arbeitergemeinde besonders zu spüren, und so drängte
es den begabten Seelsorger schon bald in die Politik. Dr. Rößler war zwar im
Herzen Monarchist geblieben, doch stand er hinter der Weimarer Verfassung, weil
er in ihr einen Garanten der Ruhe und Ordnung sah. Von 1925 bis 1928 wirkte er
in der großen Stadtpfarrei Zweibrücken, die wegen ihrer unglücklichen
Grenzlage unter besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten litt.
Aus dieser Zeit kann sich der in
St. Ingbert wohnende heute 88-jährige Dr. phil. Erich Bopp, der damals in
Zweibrücken bei ihm Meßdiener war, besonders an seine lehr- und geistreichen
Predigten erinnern.
Im Frühjahr, am 16. 04. 1928,
wurde er als Studienprofessor an das altsprachliche Gymnasium in Landau/Pfalz
versetzt. Sein gediegenes Wissen, sein überzeugendes Lehrgeschick, aber auch
sein reicher Humor ließen ihn bald zu einem geschätzten Pädagogen werden.
Dies bestätigte mir ein ehemaliger Schüler von ihm, der heute 83-jährige Arzt
Dr. Hermann Gerau aus Landau. In einer Würdigung im Archiv für
mittelrheinische Kirchengeschichte kann man lesen: ,,Dr. Johannes Rößler zählt
zu den markanten Lehrerpersönlichkeiten am Landauer altsprachlichen
Gymnasium".
Sein Temperament, sein Mut zum
freien Wort, sein reiches Wissen über geschichtliche und politische Ereignisse
führten Dr. Rößler unwillkürlich in das politische Geschehen jener Kampfzeit
des Nationalsozialismus. Als überzeugter Christ stand er an führender Stelle
der BVP (Bayerische Volkspartei), in Wort und Schrift nahm er damals Stellung zu
brennenden Fragen der Zeit und kämpfte gegen den Ungeist der NSDAP
(Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei), die gerade in der Vorderpfalz
eine starke Position gewonnen hatte. Er war überzeugt, daß die Kirche nicht im
Ghetto bleiben dürfe, sondern sich um die Dinge des öffentlichen Lebens kümmern
müsse. Darum befürwortete er die Teilnahme des Klerus am politischen Leben und
trat selbst mannhaft für die Grundsätze christlicher Politik ein.
Seinem Wirken wurde mit der
Machtergreifung Hitlers ein jähes Ende gesetzt. Es läßt sich heute nicht mehr
mit Sicherheit ausmachen - die schriftlichen Quellen jener Zeit wurden fast alle
1945 vernichtet -, ob Rößlers historische Abhandlung zur Jahrhundertfeier des
Hambacher Festes oder ein Zusammenstoß mit einem Ortsgruppenleiter der NSDAP in
der Südpfalz, dem späteren Kreisleiter von Landau, der eigentliche Anlaß für
Rößlers Leidenszeit im Dritten Reich gewesen ist. Bald bereitete man ihm
Schikanen aller Art, die ihm schließlich Beruf und Heimat nahmen. Am 01.
Dezember 1933 wurde er durch das Kultusministerium auf Grund des Gesetzes zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ohne Pensionsanspruch aus dem
Staatsdienst entlassen. In dem Jahresbericht der Schule heißt es in der
damaligen offiziellen Sprachregelung: ,,Auf sein Ansuchen aus dem Staatsdienst
entlassen".
Der Speyerer Bischof Ludwig
Sebastian (1917-1943) versetzte den entlassenen Lehrer als Pfarrer nach Niederwürzbach,
also in unser Dorf, das damals mit dem Saargebiet noch nicht zum ,,Reich zurückgekehrt"
war. Aber auch hier machte man Dr. Rößler nach kurzer Zeit das Leben wieder
schwer.
Der in Niederwürzbach
,,amtierende" Kaplan Heinrich Wagner aus Rohrbach (Saar), der hier seine
erste Stelle hatte, schreibt in der Pfarrchronik: ,,Zum neuen Hirten der Niederwürzbacher
Schäflein wurde der hochwürdige Herr Pfarrer Dr. Johannes Rößler ernannt,
der ein Opfer der Zeitverhältnisse - seine Stelle als Religionslehrer am
Humanistischen Gymnasium in Landau aufgeben mußte".
An Ostern, dem 01. 04. 1934, übernahm
Pfarrer Dr. Rößler hier seine neue Pfarrei St. Hubertus. Der Chronist
schreibt: ,,Der neue Pfarrer, der im Hinblick auf die frühere politische Betätigung,
wie es in einem Ministererlaß heißt, aus seinem Amt als Studienprofessor für
katholische Religionslehre am Humanistischen Gymnasium in Landau ausscheiden mußte,
trat an Ostern seine Stelle an". Um allen falschen Deutungen (er war ein
politisch Verfolgter) von vornherein den Boden zu entziehen, gab er in seiner
ersten Predigt ein klares Bild der Vorgänge, die ihn zur Übernahme der
Saarpfarrei Niederwürzbach veranlaßten.
Von einer eigenen
Installationsfeier wurde mit Rücksicht auf die besonderen Umstände abgesehen.
Eine weltliche Einführungsfeier fand am Sonntag, dem 22. April 1934, im
damaligen Saale Krämer statt, bei der Kaplan Wagner die Begrüßungsrede hielt.
Die Zeitung berichtete am 23.
April 1934 über diese Feier: ,,Am Sonntag, 22. April, fand im Saale Krämer
eine Katholikenversammlung statt, zu gleicher Zeit als offizielle
Installationsfeier unseres neuen Herrn Pfarrers Professor Dr. Johannes Rößler.
Die Einwohnerschaft hatte sich sehr zahlreich hierzu eingefunden. Nach dem Begrüßungslied
des Pfarrcäcilienvereins und der Choralschule wurde der neue Herr Pfarrer von
verschiedenen Körperschaften, so von Bürgermeister Johann Rolot im Namen der
Gemeinde, von der Lehrerschaft durch Ottmar Allgayer und von der Verwaltung des
Kirchenrates recht herzlich begrüßt und willkommen geheißen. Dekan Stabel des
Bezirkes St. Ingbert stellte den neuen Seelenhirten der Gemeinde vor und wünschte
ihm viele Jahre segensreichen Wirkens und Schaffens in Gottes Namen. Darauf
ergriff Professor Dr. Rößler selbst das Wort zu einer Ansprache, wobei er
besonders hervorhob, wie ihn die allgemeine Teilnahme freue und er fast
bedauere, nicht dem Wunsche nachgegeben zu haben, eine klangvolle
Installationsfeier zu veranstalten, die, wie er in seiner ersten Predigt erwähnte,
die Verhältnisse ihm nicht gestatteten. Er dankte vor allem Kaplan Wagner für
sein schweres Amt, das die ganze Zeit allein auf seinen Schultern ruhte, da
Pfarrer Deck (Vorgänger von Pfarrer Rößler, der aus dem 1. Weltkrieg mit
erfrorenen Füßen nach Hause kam und öfters mal operiert werden mußte)
infolge Krankheit sich vom Amte zurückziehen mußte. An alle Pfarrangehörigen,
an die katholische und politische Gemeinde richtete er einen warmen Appell,
Vertrauen zu ihm zu haben, damit in gemeinsamer Arbeit ersprießliches geleistet
werden könne. Nach Vortrag einiger feierlicher Lieder durch den Cäcilienverein
und die Choralschule fand die schlichte Feier ihren Abschluß".
Hier im Saargebiet hatte Dr. Rößler
vorerst vor den Nationalsozialisten Ruhe. Er beobachtete aber genau die
politische Szene im Reich. Die katholische Jugend, die als einziger Verband
nicht in die Hitlerjugend eingegliedert war, versuchte man durch einzelne
Verbote und Reglementierungen zum Beitritt zu zwingen. Hitler baute seine Macht
weiter aus, als er am 30. Juni 1934 Röhm, den Führer der SA (Sturm-Abteilung),
und weitere hohe SA-Führer von SS-Leuten (Sturm-Staffel) erschießen ließ. Ein
willkommenes Ereignis war der Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am
02. August 1934. Einen Tag vor dessen Tod hatte die Reichsregierung schon durch
Gesetz die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers
bestimmt.
Am 02. August gingen somit alle
Befugnisse des Reichspräsidenten auf Hitler über. Dieser ließ verlauten, daß
er den Titel erst führen wolle, wenn das Volk in einer Abstimmung darüber
entschieden habe. Weiter verfügte er, daß er in Zukunft nur noch als Führer
und Reichskanzler angesprochen werden wollte. Ab dieser Zeit mußten die
Soldaten den Eid auf den Führer ablegen, und nicht mehr auf Volk und Vaterland.
Die Abstimmung der Saarbevölkerung
am 13. Januar 1935 über ihr zukünftiges politisches Schicksal brachte Adolf
Hitler einen überwältigenden Erfolg. Von den abgegebenen Stimmen entschieden
sich 477.119 für Deutschland, 46.513 für den Status quo, 2.134 für
Frankreich. Hitler ließ verkünden, daß die 90,8 % der Stimmen ihm gegolten hätten,
was bestimmt so nicht der Fall war. Die Mehrheit der Saarbevölkerung wollte
wieder zu Deutschland, aber nicht in eine Tyrannei und Unfreiheit.
Anteil an diesen Mehrheitsverhältnissen
hatte sicher auch ein entsprechender Aufruf der beiden für das Saargebiet zuständigen
Bischöfe von Trier und Speyer zugunsten einer Heim-ins-Reich-Entscheidung, den
Dr. Rößler mit dem Zusatz verlaß, daß der Bischof in dieser Frage keinen
Gewissensdruck auf die Gläubigen ausüben könne.
Dr. Rößler, der die Verhältnisse
in Deutschland aus eigener Anschauung kannte, trat für den Status Quo ein, da
er wußte, daß es sonst im Saargebiet genauso kommen würde, wie es bereits in
Deutschland war: Viele Verbote und Gesetze gegen freie Meinungsäußerung und
Demokratie.
Vom Völkerbund wurde die
Saarabstimmung anerkannt und dieser beschloß am 17. Februar 1935 mit Zustimmung
der französischen Regierung, das Saargebiet offiziell am 01. März 1935 mit dem
Deutschen Reich zu vereinigen. Dieser hatte jedoch von der Reichsregierung eine
einjährige Schutzfrist abgerungen, so daß alle Reichgesetze erst im März 1936
für das Saargebiet in Kraft traten. Damit kamen für Dr. Rößler die Verhältnisse,
wie sie in Landau waren. Er mußte aufpassen, was er predigte, und auch auf
seine sonstigen Äußerungen und Taten achten. So sagte ihm mal ein
Gestapo-Spitzel (Geheime Staatspolizei) nach dem Gottesdienst am Sonntag:
,,Interessant, aber haarscharf an der Grenze vorbei". Dr. Rößler blieb
seiner Linie immer treu. Von den Schikanen und Nachstellungen, denen er
ausgesetzt war, können nur wenige Beispiele angeführt werden.
Im Jahre 1936 kam der Pfarrer zu
meinem Vater und bat ihn, im Hof des Pfarrhauses eine Fahnenstange aufzustellen,
an der man eine Hakenkreuzfahne aufziehen könne. Er habe nämlich von der Behörde
ein Schreiben bekommen, daß alle öffentlichen Gebäude, also auch die Kirche,
an dem darauffolgenden Sonntag beflaggt werden müßten. Auf die Frage meines
Vaters, warum die Fahnenstange in den Pfarrhof und nicht an die Kirche soll,
antwortete der Pfarrer wörtlich: ,,Der rote Fetzen kommt mir nicht an die
Kirche".
Am Samstag vor diesem besagten
Sonntag nahm mein Vater meinen Bruder Lorenz und mich mit den notwendigen
Werkzeugen mit zum Pfarrhaus. Dort wartete schon der Pfarrer und zeigte uns
einen Baum im Pfarrgarten, den wir für die Fahnenstange nehmen sollten. Der
Baum war schnell abgesägt. Mein Vater richtete die Stange her. Mein Bruder und
ich mußten direkt neben der Mauer im Pfarrhof ein Loch graben. Als die
Fahnenstange stand, wollte mein Vater die Fahne hochziehen, doch Dr. Rößler
bestand darauf, daß sie erst am nächsten Tag hochgezogen werden sollte. Am
Sonntagmorgen, auf dem Weg zum Amt, hat mein Vater die Fahne im Pfarrhof
hochgezogen. Ich half ihm dabei. Dennoch sollte die ganze Aktion unliebsame
Folgen haben.
Als wir Buben montags aus der
Schule nach Hause kamen, saß meine Mutter in der Küche und weinte. Sie sagte,
den Vater hätten zwei Männer abgeholt und mit dem Auto weggefahren. Als wir
abends zu Bett gingen, war er immer noch nicht zurück. Wie wir am nächsten Tag
erfuhren, war er nach Saarbrücken zur Gestapo gebracht und den ganzen Tag über
immer und immer wieder wegen der Fahnenhissung befragt worden. Daß auch der
Pfarrer in Saarbrücken war, stellte er während des Verhörs fest, da sie ihm
sagten, er könne ruhig zugeben, daß nicht geflaggt war, der Pfarrer hätte das
eben zugegeben. Genauso hatte man dem Pfarrer gesagt, daß mein Vater zugegeben
hätte, er hätte die Fahne nicht hochgezogen. Wie sich so herausstellte,
spielte man den Pfarrer gegen meinen Vater durch Verdrehen der Aussagen
gegeneinander aus. Dies ging so bis zum Abend, bis mein Vater den Herren sagte:
,,Wenn Sie mir nicht glauben wollen, daß ich die Fahne hochgezogen habe, dann
glauben Sie wenigstens einem Frontsoldaten vom Krieg" (gemeint war
1914-1918). Daraufhin haben sie ihn freigelassen. Zu allem Übel mußte mein
Vater nach diesem langen Tag zu Fuß von Saarbrücken nach Hause laufen, da er
in seiner Arbeitskleidung kein Geld bei sich hatte.
Obwohl die Fahne von mehreren
Leuten gesehen wurde, wurde Pfarrer Dr. Rößler wegen Zuwiderhandlung gegen das
Reichsflaggengesetz vom Amtsgericht Blieskastel verurteilt.
Aufgrund einer Anzeige im
September 1937 eines Parteigenossen (namentlich im Strafbefehl gegen Pfarrer Dr.
Rößler vermerkt) wurde der Pfarrer aus dem Religionsunterricht geholt und zum
Verhör ins Bürgermeisteramt gebracht. Ihm wurde von der Gestapo vorgeworfen,
er hätte verbotene Haussammlungen zur Anschaffung von kirchlichen Gegenständen
veranstaltet. Richtig war, daß in jeder Straße bestimmte Frauen freiwillig für
die Verschönerung des Gotteshauses Geld gesammelt hatten. Der Pfarrer hielt
dies für einwandfrei, weil nach dem Sammlungsgesetz Sammlungen in einem
bestimmten Personenkreis, der unter sich bekannt und durch gemeinsame ideelle
Zwecke verbunden war, stattfinden durften. Mehr als zwei Jahre hatte kein Mensch
und keine Behörde etwas beanstandet. Er gab den Tatbestand offen zu, zumal die
Sammlungen in aller Öffentlichkeit bekannt waren. Er sollte die Gegenstände
benennen, die mit dem Geld angeschafft worden waren. Schließlich einigte sich
der Gestapo-Mann mit ihm dahin, daß die Altarschellen als ,,corpus delikti"
angegeben wurden. Diese wurden dann im Pfarrhaus sicher gestellt. Der Pfarrer
erhielt daraufhin am 07. Februar 1938 vom Amtsgericht Blieskastel einen
Strafbefehl in Höhe von 200,00 Reichsmark und zusätzliche Kosten in Höhe von
12,50 Reichsmark.
Wie ich in diesem Zusammenhang
von meiner Schwester, die im Pfarrhaus als Aushilfe beschäftigt war, erfuhr,
kam eines Tages der Polizist Molter von Niederwürzbach ins Pfarrhaus, um die
Altarschellen abzuholen. Er hatte eine Tasche dabei, in der aber nur eine
Schelle Platz fand. Er wollte Packpapier zum Einwickeln der anderen Schelle
haben, doch der Pfarrer hatte keines im Hause. So ist der Polizist mit der einen
Schelle abgezogen und kam nach einiger Zeit wieder, um die andere zu holen. In
der Pfarrchronik ist hierzu noch zu lesen, daß am 10. Juni 1938 alle Pfarrämter
in der Nachbarschaft von der Bezirks-NSV (Nationalsozialistischen
Volkswohlfahrt) ein Angebot für Altarschellen erhielt, doch sei davon kein
Gebrauch gemacht worden.
Eine weitere Aktion der Polizei,
die aber den Pfarrer nicht persönlich betraf, war die Gleichschaltung der
Jugendverbände. Die katholischen Jugendvereine, die im Reich schon früher in
die HJ (Hitlerjugend) und BDM (Bund deutscher Mädel) eingegliedert wurden,
hatten im Saargebiet noch eine kleine Schonfrist. Am 25. Januar 1938 wurde das
dem verbotenen Jungmännerverein und der Marianischen Jungfrauenkongregation gehörende
Vermögen beschlagnahmt, einschließlich der Bücherei und des Harmoniums des
Kirchenchors.
Als am 01. September 1939 der 2.
Weltkrieg ausbrach, wurden die Bewohner von Niederwürzbach evakuiert. Pfarrer
Dr. Rößler nahm eine Einladung von Verwandten an und ging mit seinen zwei
Cousinen (Haushälterinnen) nach Leipheim in Württemberg. Von hier aus
versuchte er, seine ,,Schäflein" zu finden, die er im Allgäu vermutet
hatte. Doch diese waren in aller Herren Länder zerstreut, und zwar in Thüringen,
Ober-, Mittel- und Unterfranken, Sachsen, ja sogar viele im Ruhrgebiet. Die
meisten waren wohl in Oberfranken, und so ließ er sich schließlich in Kronach
in Oberfranken nieder. In der ganzen Umgebung besuchte er meist zu Fuß seine
Pfarrkinder und blieb mit ihnen in gemeinsamen Gottesdiensten verbunden.
Seine Tätigkeit in Kronach wurde
durch seine Berufung auf die verwaiste Pfarrei Burrweiler/Pfalz unterbrochen.
Damit begann für den Pfarrer eine düstere Episode. Am Tage, bevor er in
Burrweiler eintraf, war vom Armee-Oberkommando in Wiesbaden eine Verordnung in
Kraft gesetzt worden, daß jeder, der in der sogenannten ,,Grünen Zone"
(Operationsgebiet) seinen Wohnsitz aufnehmen wollte, dazu eine besondere
Zulassung benötigte. Dieses Umstandes bedienten sich die alten politischen
Gegner in der Kreisleitung in Landau, um den mißliebigen Geistlichen von
Burrweiler fernzuhalten. So wurde ihm der Zuzug verweigert und die
Lebensmittelkarten gesperrt. Obwohl er alle denkbaren Schritte unternahm, um die
Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, obwohl das Bischöfliche Ordinariat sich
für ihn einsetzte und er persönlich beim Armee-Oberkommando in Wiesbaden
vorsprach und auch die Kreisleitung Landau aufsuchte, obwohl er Evakuierter war,
dem viel gestohlen worden war, verweigerte man ihm die Zuzugsgenehmigung.
Das Bezirksamt Landau stellte ihm
ein Schreiben zu, wonach er am 11. Februar 1940 Burrweiler und die ,,Grüne
Zone" zu verlassen habe, ,,widrigenfalls er mit Polizeigewalt zwangsweise
abgeschoben werden würde". Daraufhin kehrte er nach Oberfranken zurück
und nahm seine Tätigkeit bei seinen Pfarrkindern in den verschiedenen Pfarreien
um Kronach wieder auf.
Endlich am 09. August 1940 war
der langersehnte Tag gekommen, der den Pfarrer aus dem Frankenland heimbringen
sollte. Große Freude herrschte, als der Zug am 10. August gegen 9.00 Uhr auf
dem Bahnhof in Würzbach hielt. Die Glocken läuteten, und der Pfarrer brauchte
über eine Stunde, bis er sein Pfarrhaus erreichen konnte, so viele Hände
streckten sich ihm entgegen. Doch bevor er das Pfarrhaus betrat, ging er zuerst
in die Kirche.
Im Sommer 1941 sollte Dr. Rößler
zum wiederholten Mal die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten gegen
Nonkonformisten spüren. Er wurde wieder vom Amtsgericht Blieskastel wegen eines
Vergehens gegen das Reichsflaggengesetz verurteilt und erhielt einen Strafbefehl
in Höhe von 200,00 Reichsmark und Gebühren von 10,00 Reichsmark. Was hatte er
verbrochen? Der neue Kaplan Weiler, mit den gesetzlichen Bestimmungen nicht
vertraut, hatte an der Spitze der Fronleichnamsprozession zwei weiß-rote
Kirchenfahnen mitgetragen, die vorher von Meßdienern im Amt am Altar getragen
wurden. Zwei bekannte Persönlichkeiten von Niederwürzbach hatten auf höhere
Anweisung, wie sie sagten, die Prozession beobachtet und festgestellt, daß zwei
verbotene Fahnen bei der Prozession mitgetragen wurden. Dies hatten die beiden
ihrem Auftraggeber (Gestapo) gemeldet, der dann prompt reagierte. Mir ist
bekannt, daß mindestens zwei kirchliche Fahnen (rot-weiß), die aus Anlaß der
Fronleichnamsprozession zwei Häuser schmückten, am darauffolgenden Tag
beschlagnahmt wurden.
In seiner Amtszeit in Niederwürzbach
wurde Herr Pfarrer Rößler einmal wegen verbotener Sammlungen bestraft, zweimal
erhielt er Strafbefehle wegen Zuwiderhandlung gegen das Reichsflaggengesetz,
dreimal hatte er Hausdurchsuchungen zu erleiden, und viele Verhöre mußte er über
sich ergehen lassen. Aufregungen waren seine ständigen Begleiter.
In dem Maße aber, wie die Partei
durch ihre Kriegssorgen in Anspruch genommen wurde, wurden die Schikanen weniger
empfindlich. Dagegen sind die gottesdienstlichen Veranstaltungen immer wieder
erschwert oder unmöglich gemacht worden durch gleichzeitige Veranstaltungen der
Partei. So hatten die Sonntagsmessen, der Religionsunterricht in der Kirche
sowie Andachten viel zu leiden. Besonders hervor tat sich auch die örtliche
Leitung der Hitlerjugend, die ihren Ehrgeiz daran setzte, den Pfarrer ihre Macht
spüren zu lassen.
Als im Dezember 1944 die ersten
Granaten in Niederwürzbach einschlugen und auch das Pfarrhaus getroffen wurde,
suchte er mit seinen Verwandten in seiner ersten Pfarrstelle Breitenbach
Zuflucht, wo er mit offenen Armen aufgenommen wurde. Als am 19. März für die
Niederwürzbacher der Krieg vorbei war, kehrte Pfarrer Dr. Rößler kurze Zeit
später wieder zurück. Der Anblick der Kirchenruine erschütterte ihn stark.
Nicht nur in Deutschland war Dr.
Rößler als Gegner des NS-Regimes bekannt, auch die Amerikaner wußten über
die Gegnerschaft bestens Bescheid, wie dies ein amerikanischer Offizier ihm
gegenüber kundtat.
Es sollte wohl eine gewisse, wenn
auch etwas späte Anerkennung sein, als der Bischof von Speyer 1942 Dr. Johannes
Rößler zum Geistlichen Rat ernannte und sich damit offen zu dem
unerschrockenen Priester bekannte.
Die Leidenszeit aber fand erst
nach dem Untergang des Dritten Reiches ihr Ende. Die harten Jahre des Kampfes
und die Verfolgung jedoch waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Im
Dezember 1945 übernahm er darum die ,,leichte" Pfarrei Großfischlingen,
die er bis 1951 als Seelsorger versah. Eine Rückkehr an seine alte Schule war
ihm aus Gesundheitsgründen nicht mehr möglich. Eine Rehabilitierung erfuhr er
allerdings insofern, als ihm 1953 zur Wiedergutmachung des ihm von den Nazis
zugefügten Unrechts Namen, Rechte und Ansprüche eines Studienprofessors zurückgegeben
wurden. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zwar krank, aber immer
noch zur seelsorgerischen Hilfe bereit, in Annweiler. Am 03. März 1965 verstarb
er im Krankenhaus in Ludwigshafen und wurde in seiner Heimatgemeinde St. Martin
unter Teilnahme auch von Delegierten unserer politischen und kirchlichen
Gemeinde beerdigt.
Ein Mann wie Dr. Rößler, der so
sehr unter der politischen Verfolgung gelitten hatte, hätte seine politischen
Grundsätze verraten, wenn er nicht auch seinen Anteil an dem Neuaufbau unseres
demokratischen Staates geleistet hätte. Hier gehört er zu den Männern der
,,ersten Stunde" der Nachkriegszeit. Dafür verlieh ihm der Bundespräsident
durch den Kultusminister von Rheinland-Pfalz Dr. Orth in Annweiler in
Anwesenheit von Bischof Dr. Isidor Emanuel (1953-1968) das Bundesverdienstkreuz
am Bande. 1959 erhielt er vom bayerischen Ministerpräsidenten Hans Seidel den
Bayerischen Verdienstorden ,,für hervorragende Dienste um den Freistaat
Bayern". Dr. Rößlers Dienst an der Kirche und sein jahrzehntelanger
Einsatz für den Priesterverein des Bistums Speyer, dessen Ehrenvorsitzender er
war, wurden mit der Verleihung am 01. Februar 1954 der hohen Würde eines Päpstlichen
Hausprälaten geehrt.
Die Bevölkerung von Niederwürzbach
hatte ihren beliebten Seelsorger in ihre Herzen geschlossen.
In Würdigung seiner Verdienste
um seine frühere Pfarrei und die Gemeinde beschloß der Gemeinderat unter Bürgermeister
Schaller 1957, ihm den Ehrenbürgerbrief von Niederwürzbach zu überreichen.
Eine Straße in unserem Ort trägt heute seinen Namen.
Peter Degel, St. Ingbert
|