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Folge 4 - Die Eisenbahn in Würzbach

Die Eisenbahn in und um Niederwürzbach !

Unsere Strecke von Schwarzenacker über Bierbach nach Hassel mit einer Länge von 14,03 km wurde am 26. November 1866 eröffnet.

In Niederwürzbach dauerte es also 41 Jahre bis die Eisenbahn von Stockton-Darlington in England über Nürnberg-Fürth in Bayern zu uns kam. Die erste Strecke ins Saarland führte von Kaiserslautern über Landstuhl nach Homburg. Der 35,39 km lange Abschnitt der Pfalzbahn war seit dem 1. Juni 1848 befahrbar. Die weiteren Strecken gingen nicht Richtung Niederwürzbach. Am 6. Juni 1849 während der pfälzischen Revolution wurde Bexbach an das Schienennetz angeschlossen. Anschließend offenbarte sich ein Hauptgrund der Entstehung der Eisenbahn in unserem Gebiet. Die preußischen Kohlengruben bekamen ihre Anschlüsse. Sie trugen zur wirtschaftlichen Ausnutzung der Eisenbahn bei. Außerdem entstand über Sulzbach und Saarbrücken eine Verbindung nach Paris.

Mit der Strecke von Homburg nach Zweibrücken kommt die Bahn wieder Richtung Niederwürzbach. Der Anschluß von Zweibrücken am 7. Mai 1857 an die Ludwigsbahn ermöglichte den Bau der Strecke nach St. Ingbert über Niederwürzbach. Diese führte von Schwarzenacker über Ingweiler, Bierbach, Lautzkirchen, Niederwürzbach nach Hassel. Die Weiterführung wurde durch den Bau des Rothenkopf-Tunnels verzögert und erst am 1. Juni 1867 konnte man bis nach St. Ingbert fahren.

Unsere Bahnstrecke wird unter der Regie der Pfälzischen Ludwigsbahn gebaut. Pfälzisch, da unsere Gegend in der bayerischen Pfalz liegt, und Ludwigsbahn, da zu dieser Zeit Ludwig I. König von Bayern ist. Die Pfälzische Ludwigsbahn ist eine private Aktiengesellschaft. Ihr gegenüber steht im preußischen Teil des Saarlandes die preußische Staatsbahn mit der königlichen Eisenbahndirektion Saarbrücken.

Im Vorfeld des Eisenbahnbaus, am 11. April 1845, wird die Gemeindegrenze zwischen Niederwürzbach und Ommersheim nach Süden entlang der Straße Niederwürzbach-Hassel verlegt. Dies betrifft den Bereich westlich vom Roten Bau bis zur Spitze des Junkerwald bzw. zum Viadukt über die Straße zum Junkerwald.

Anläßlich der Wappenverleihung am 22. Juli 1965 wird Bürgermeister Hartz von Otto Hemmer ein altes Schreiben seines Großvaters, der sich als Mitglied des Niederwürzbacher Gemeinderates intensiv für den Bau der Bahnlinie durch den Ort einsetzte, übergeben. Otto Hemmer selbst ist im Bahnhof Würzbach geboren und sein Vater August Hemmer ist im I. Weltkrieg Bahnhofsvorsteher in Würzbach.

In einem Schriftstück aus dem Stadtarchiv Blieskastel vom 19. März 1865 ist folgendes zu entnehmen. Das königliche Bezirksamt Zweibrücken beruft drei Experten, die der Pfälzischen Ludwigsbahn behilflich sind, Grund und Boden zu erwerben zum Bau der Bahnstrecke Homburg - St. Ingbert. Den einen aus Blieskastel, den zweiten aus Niederwürzbach und den dritten aus St. Ingbert. Aus Niederwürzbach wird Herr Johann Dahlem, Müller in Niederwürzbach, berufen.

Im Bereich des Bahnhofs werden umfangreiche Dammbauarbeiten notwendig. Das Gesicht des Würzbacher Weihers wird hier radikal verändert. Die Südseite vom Damm weg Richtung Westen wird begradigt und befestigt.

Die Fläche des Weihers wird sowohl im vorderen Teil des Bahnhofs als auch im linken Weiherarm Richtung Hassel kleiner.

Das Tal in Mitten des Dorfes und der Lauf des Würzbachs werden durch den Bahndamm geteilt. Der Würzbach bleibt zum größten Teil in den Bruchwiesen und ein kleiner Teil, der bis zum Bahnübergang in der Kirkeler Str. führt, verbleibt im Kuhschwanz. Häuser werden durch den Bahnbau nicht betroffen.

Ab 1866/67 gibt es Erleichterung für die Bergleute. Durch die Bahn kommen sie schneller und dadurch öfter nach Hause und zur Arbeit. Als Ergänzung hierzu empfehlen wir die Geschichte " Es Holzbittsche" aus Folge 1, Seite 19.

Im September 1868 fuhren drei Züge nach St. Ingbert und vier kamen von dort. Dies erfahren wir aus dem Fahrplan der Linie Landstuhl-Kusel vom 22. September 1868. Die Fahrt von Zweibrücken nach St. Ingbert kostete in der ,,Ersten Classe'' 76 Kreuzer, in der zweiten 61 kr und in der dritten 15 kr.

Die Bahnstrecke Homburg - St. Ingbert über Niederwürzbach ist eingleisig. Diese Strecke liegt ungefähr von Km 108,75 bis Km 112,25, also 3,5 km, auf Niederwürzbacher Bann. Im Bereich des Bahnhofs wird die Linie von Km 110,75 bis Km 111,5, also 750 Meter, zweigleisig. Bis nach dem II. Weltkrieg waren zwei Gütergleise vorhanden. Das erste kleinere von ca. 100 Metern Länge lag von der Höhe des Güterschuppens bis zum Bahnwärterhäuschen am Damm. Von ihm aus konnte der Güterschuppen erreicht werden. Das zweite größere Gütergleis über 250 Meter ging vom Damm bis zur Höhe der heutigen Fischerhütte. Im Teil zum Damm hin gab es eine Gleiswaage und ein Lademaß.

An der Strecke von Lautzkirchen her gab es fünf Bahnwärterhäuschen, die mit dem Würzbacher Bahnhof verbunden waren. Das erste stand ausgangs Lautzkirchen zum Hang hin rechts von der Straße vor dem Bahnübergang. Das zweite steht noch an der ersten Zufahrt zur Breiter Mühle direkt hinter dem unbeschrankten Bahnübergang. Es wird heute von Anglern genutzt. Das dritte Häuschen stand an der zweiten Zufahrt und war mit dem zweiten verbunden. Ihm angebaut war ein kleines Wohnhaus, das von einer Familie Bruch bewohnt wurde. Zwischendrin war ein Übergang zum Höhhof, der heute nicht mehr existiert. Das vierte Wärterhäuschen war in der Kirkeler Straße. Es lag südlich der Bahnlinie links vor dem Übergang und hatte die Nummer 346. Vor dem II. Weltkrieg war ein Herr Jacob aus Rohrbach Schrankenwärter. Otto Freyer war hier auch tätig. Nach dem Krieg wurde das Häuschen lange Zeit von Johann Bruch bedient.

Das fünfte Bahnwärterhäuschen war direkt am Bahnhof. Es stand links vor dem Übergang, wenn man Richtung Norden sieht. Hier waren Johannes Groh, Eligius Schwarz und Philipp Weber tätig. Während den Kriegsjahren arbeiteten Frauen in den Wärterhäuschen. Hinter dem Bahnhof, Richtung Hassel, war ein Übergang gesichert mit Drehkreuzen. Ein Weg führte hinter dem Roten Bau von der Straße ab, am Grottenweiherchen vorbei über die Schienen zu den Gärten oder zum Junkerwald.

Östlich vom Bahnhof war ein Kohlenlager der Firma Jacob aus Rohrbach. Ein alter Mann saß in einer kleinen Bude mit Öfchen und kleine Kinder bekamen ab und zu Geschichten erzählt. Zum Bahnhof hin führte eine schöne Kastanienallee mit einem idyllischen Bächlein zum Süden hin. Auf dem Vorplatz war eine Pumpe. Da im I. Weltkrieg noch keine Wasserleitung lag, war der Portier zuständig für das Wasserholen.

Das Bahnhofsgebäude an sich bestand aus mehreren Teilen. Zuerst kam vom Damm aus ein kleines Häuschen, dann der Güterschuppen, anschließend das Hauptgebäude mit dem eingeschossigen Anbau und zuletzt noch ein kleines Häuschen. Von dem Zweck des ersten Häuschen liegen keine Informationen vor. Der Güterschuppen bestand aus einer Gepäckhalle mit einem absperrbaren Lattenverschlag und einer Wohnung. In der Zeit von 1910 bis 1920 wohnte hier der Portier, ein Herr Bräuer. Der Portier war zuständig für die Sauberkeit im und um den Bahnhof. Außerdem knipste er die Fahrkarten an der Sperre in der Vorhalle ab. Im Lagerraum wurden Waren abgeschickt und abgeholt. Größere Fuhren wurden auf der Weiherseite direkt vom Fuhrwerk in den Waggon umgeladen. Die meisten Fuhren waren aus dem Gau. Eine gelbe Postkutsche brachte früher täglich Briefe und Fracht in die näher und weiter gelegenen Dörfer Seelbach, Aßweiler und Biesingen. Bis nach dem I. Weltkrieg war der Bahnhofsvorstand zuständig für Bahn und die Post.

In dem Hauptgebäude waren das Chefzimmer, ein Luftschutzraum, der Dienstraum und die Vorhalle verteilt. Im ersten Stock und unterm Dach befanden sich Wohnungen. Im Anbau lag der Gepäckraum mit Rollfenster zur Vorhalle und der Warteraum. Im ersten Weltkrieg waren es noch drei Warteräume. Einer war für den Notfall abgesperrt, einer für die erste Klasse und einer für die zweite und dritte Klasse. Im letzten kleinen Häuschen waren die Toiletten untergebracht. Desweiteren gab es noch einen kleinen Gewölbekeller in dem Schmieröl, Petroleum und Ersatzteile lagerten.

Im Dienstraum gab es einen Schrank für Fahrkarten, einen Schrank für den Vorrat an Fahrkarten, einen Arbeitstisch mit Morseapparat und Telefonen, ein Telefon an der Wand brachte die Verbindung zur Oberzugleitung, einen Kanonenofen, und das Stellwerk. Dies bestand aus einem Schubstangenkasten. Die Gleissperre war blau gefärbt, die Weichen- und Signalbank waren rot. Daneben gab es einen 5-feldigen Streckenblock, eine Tafel mit Instrumenten zur Zugfreigabe. Außerdem stand im Dienstraum noch ein Tisch mit Stühlen, an dem die Bediensteten arbeiteten oder Pause machten. Auch war ein Fenster zur Vorhalle vorhanden, das als Schalter zur Abfertigung der Bahnreisenden diente.

Das Reisepublikum bestand aus Bergleuten, Schülern und Gelegenheitsgästen. In der Zeit nach 1910 hatten die Züge 4 Klassen. Die erste war rot gepolstert, die zweite grün gepolstert, die dritte war aus Holz und etwas vornehm und die vierte aus Holz und billig.

Die Bevölkerung von Niederwürzbach wächst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon stark an (100 Ew mehr in 10 Jahren). Durch die Verkehrsanbindung mit der Eisenbahn steigt die Zahl deutlich an (150 Ew mehr in 10 Jahren). Technische Verbesserungen der Lokomotiven und der Waggons und ein deutlich größeres Angebot an Zügen und natürlich eine Verbesserung der Infrastruktur im Umland reißen Niederwürzbach aus dem Schlaf. Anfang des 20. Jahrhunderts wächst unser Ort um 300 Ew in 10 Jahren, in der nächsten Dekade sogar um 550 Ew.

Die Bliestalbahn wurde am 1. April 1879 eröffnet und führte von Zweibrücken über Einöd, Bierbach zu der Reichsgrenze bei Reinheim. Im gleichen Jahr am 15. Oktober wurde die Strecke St. Ingbert-Saarbrücken, die über die bayrisch-preußische Grenze führte, eingeweiht.

Der erste namentlich bekannte Bedienstete ist ein Carl von Traitteur. Er wird in einer Geburtsurkunde von 1890 aus dem Standesamt Blieskastel als Bahnhofsverwalter, wohnhaft in Niederwürzbach, genannt.

Josef I. Keller war vermutlich zu dieser Zeit schon Bahnmitarbeiter, da er im Adreßbuch 1911/12 schon als pensionierter Bahnwart erwähnt wird.

In den Jahren 1891/92 wird eine Backstein- und Ziegelfabrik errichtet. Sie erhält einen Bahnanschluß. Er besteht aus einem Abzweig von der Hauptstrecke, der sich in zwei Gleise aufteilt, die auf Firmengelände liegen. Der Abzweig beginnt kurz hinter dem Bahnübergang am Damm in östlicher Richtung, ca. bei Km 110,6. Die Firma profitiert von der nahen Bahn und die Bahn hat Güterfrachten. Mit den Backsteinen werden etliche Bahnhofsbauten in unserer Gegend gebaut, außerdem große Teile der Schmelz in St. Ingbert.

Durch den schlechten Zustand des Rothenkopf-Tunnels wurde der Bau einer Umgehungsbahn notwendig.

Am 30. August 1895 erfolgte eine technische Revision. Ein Regierungs- und Kreisbaurat und eine Kommission von Sachverständigen befuhren in einem aus Lokomotive mit Tender, Packwagen und Salonwagen bestehenden Zug die Strecke und begutachteten sie.

Am 7. September 1895 um 5 Uhr zwanzig Minuten wurde die neue Strecke dem Verkehr übergeben.

Am selben Tag passierten drei Militärzüge um die Mittagszeit die Strecke. Der letzte Zug beförderte 1300 Soldaten.

Um 1894/95 ab Km 15,1 (heutiger Km 111,1) also direkt hinter dem Bahnhof Niederwürzbach wurde der Bahndamm für die neue Trassierung schon angehoben. In Höhe der Kreuzung Nw, Ow und Hassel biegt die neue von der alten Trasse ab Richtung Norden am Berghang des Triebscheiderhofes.

Am 7. September 1895 wurde die Strecke von Niederwürzbach über Hassel und Rohrbach nach St. Ingbert in Betrieb genommen. Als Literatur empfehlen wir hierzu ,,Die Eisenbahn in Rohrbach" von Friedrich Müller.

Aus einem Fahrplan, ich nehme an von vor der Jahrhundertwende, entnehmen wir, daß fünf Züge sowohl in Richtung Homburg/Zweibrücken als auch in Richtung St. Ingbert fahren. Die Züge haben Zugnummern von 31 bis 71 und haben Wagen der ersten bis dritten Classe.

Mit dem Anwachsen des Verkehrsaufkommens sind auch die Anforderungen des Betriebes auf den immer wieder erweiterten Rangierbahnhöfen gestiegen. Man entschließt sich für einen Drei-Kuppler (1889). Die Maschinen, von Maffei entwickelt, sollen sowohl für den Rangierdienst als auch zur Personenbeförderung auf Lokalbahnen verwendet werden.

Von der C-T, Gattung T3, wurden 27 Stück (1889-1903) beschafft. Einzelexemplare haben sich bis in die fünfziger Jahre gehalten. Mehrere T3 sind für die Personenzugförderung mit Luftdruckbremse, Dampfläutewerk und Dampfheizungsvorrichtung ausgerüstet worden. Diese C-n2-T-(spätere Gattung T3-)Maschinen wurden auf verschiedene Namen getauft, Homburg, Zweibrücken, Einöd, Hassel, Bierbach, Altstadt, Blickweiler und andere. Die 1897 von Maffei gebaute T3 mit der Betriebsnummer 203 bekam den Namen ,,Würzbach". Mit der Fabriknummer 1907 kam sie zur Deutschen Reichsbahn unter der DR-Nr. 89 106. Der Verbleib ist leider unbekannt. Diese Lokomotive ist auf dem Titelbild abgebildet. Es ist allerdings eine Fotomontage. Das Bildoriginal zeigt die Lok ,,Potzberg" und der Name ,,Würzbach" ist darübergearbeitet.

Die Konkurrenzlinie zur Strecke Homburg-Bierbach-St. Ingbert, die strategische Bahn über Kirkel, wurde erst am 1. Januar 1904 eingeweiht. Diese Linie wird später zur Hauptstrecke nach Saarbrücken. Also lief der gesamte Verkehr zwischen Homburg und St. Ingbert 38 Jahre lang über Niederwürzbach.

Am 1. Januar 1909 kauft der Bayerische Staat die private Ludwigsbahn für 300 Millionen Mark auf. Die Königlich Bayerische Staatsbahn übernimmt 12.000 Mitarbeiter, 872 Streckenkilometer und 350 Lokomotiven. Ludwigshafen wird jetzt königlich bayerische Eisenbahndirektion.

Als nächste Quelle steht uns das Adreßbuch der Pfalz von 1911/12 zur Verfügung. Hier werden folgende Personen genannt: August Hemmer, Vorstand (er ist später in St. Ingbert und Saarbrücken Oberinspektor); Karl Kumpfmüller, Sekretär, stammte aus München in Bayern, er war ein ausgezeichneter Sportler, schwamm rund um den Weiher und konnte gut Schlittschuh laufen; Heinrich Schulte, Sekretär, kam aus der Neunkircher Gegend und war als Krankenpfleger und Sanitäter ausgebildet. Jeder Bahnhof mußte einen Sanitäter als Mitarbeiter haben. August Schowalter, Portier; Johann Gassert, Portier; Paul Degel, Weichenwärter; Wilhelm Annawald, Weichenwärter; Peter Luck, Weichenwärter; Jacob Becker, Bahnarbeiter; Peter Becker, Bahnwart; Peter Huter, Wirt und Bahnspediteur; Josef I. Keller, pens. Bahnwart; Karl Unbehend, Stationsdiener.

Am 15. Dezember 1913 wurde der erste Teil der Hornbach-Bahn mit 9,39 km Länge von Zweibrücken nach Hornbach eröffnet. Die 4,17 km lange Strecke nach Brenschelbach wurde drei Jahre später am 1. Oktober 1916 eingeweiht.

Ab 31. Juli 1914 wird der Güterverkehr der grenznahen Regionen eingestellt. Am 3. August 1914 wird der Friedensverkehr eingestellt, damit der Militärfahrplan in Kraft treten kann.

Im Garten des Vorstehers Hemmer waren die Äpfel gerade reif, als ein Zug mit Soldaten hielt (Ausweichmöglichkeit der eingleisigen Strecke) und die schönen Äpfel waren fast alle weg.

Vom 1. September 1916 liegt uns ein Ausweis des Bahnarbeiters Karl Schaller vor. Er war der Militärischen Eisenbahndirektion 2, Betriebsamt 2 unterstellt. Mit diesem Ausweis war Schaller berechtigt zum dienstlichen Betreten der Bahnanlagen im besetzten belgischen und französischen Gebiet.

Während des Stellungskrieges rollten verstärkt Soldaten und Materialzüge durch das Würzbachtal nach Saarbrücken. Am Anfang sangen die begeisterten Soldaten noch ,,siegreich wollen wir Frankreich schlagen" oder ,,Heil unserem König". Im Krieg gab es kein Petroleum, man mußte sich mit Kerzen behelfen. Später sah man in den Waggons Verwundete, die von der Front kamen und verpflegt wurden. Nach dem Krieg waren zuerst zurückgehende deutsche Soldaten mit einem arroganten Oberst einquartiert, dem folgte ein grober französischer Oberst, der schließlich drei netten französischen Offizieren Platz machte, die froh waren, daß der Krieg zu Ende war. Nach dem I. Weltkrieg wurde das Saargebiet dem Völkerbund unterstellt und es entstanden die Saarbahnen mit der Direktion Saarbrücken. 82,5 km der bayerischen Strecken gehörten nun zur Saar. In den Zwanziger Jahren stieg der Bahnverkehr stark an.

Aus dem Personenverzeichnis des Kreises von 1933 gehen folgende Namen hervor: als Eisenbahnarbeiter: Peter Becker, Peter Degel, Johann Groh, Heinrich Holste, Karl Huth, Adam Kuhn, Friedrich Neff, Joseph Priester, Eligius Schwarz, Philipp Weber; als Eisenbahnschreiner Johann Hauck; als Eisenbahnschlosser Peter Meiers; als Betriebsassistent Emil Krauß, Karl Schaller, Johann Schnepp; als Bahnhofsvorsteher Karl Lindemann; außerdem sind erwähnt Paul Degel als Oberbahnwart a. D. und Andreas Krämer als technischer Eisenbahnsekretär.

Der Personenausweis Nr. 47 vom 14. August 1934 gibt uns Auskunft über Peter Degel. Er steht als ,,BUA" im Dienst der Eisenbahndirektion des Saargebiets, ausgestellt von der Bahnmeisterei Bierbach.

1935 gehen die Saarbahnen in die Deutsche Reichsbahn über. Die neue Reichsbahndirektion Saarbrücken übernimmt große Teile außerhalb des Saargebietes, so Kaiserslautern und Zweibrücken.

Mit Anfang des II. Weltkriegs trug die Bahn die Hauptlast der Evakuierung der Bevölkerung des gesperrten Gebiets. Im Krieg kam der zivile Verkehr fast vollständig zum Erliegen. Hauptsächlich wurden Soldaten und Kriegsmaterial befördert.

Im Jahre 1942 kostete der Schienenkilometer in der ,,Dritten Classe" pro Person 4 Pfennig.

Ein Zwischenfall im Krieg passierte zwischen 1942 und 1944 auch in Würzbach am Bahnhof. Nachdem der Personenzug von Lautzkirchen durch war und ein Güterzug noch auf den Gleisen stand, wurde dieser um die Mittagszeit von zwei oder mehr Jabo’s angegriffen. Sie kamen vom Kieselberg her und beschossen den Zug. Die Lok hatte ein Leck im Dampfkessel und der Zugführer der sich im Gepäckwagen befand, wurde erschossen. Ein Lehrbub vom Bahnhof lief so schnell zum Luftschutzraum, daß er sich den Kopf am davorstehenden Kanonenofen stieß.

Im Krieg wurden die Bahnanlagen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Zum Kriegsende beförderte wieder die Bahn die restliche Bevölkerung aus der Grenzregion.

Die ersten Instandsetzungen nach dem Krieg führten die Amerikaner aus. In Zusammenarbeit mit deutschen Bahnarbeitern wurden erste Strecken in Gang gesetzt. Bahnhofsvorsteher nach dem Krieg war ein Herr Buchheit, der von Rudolph Welsch aus Wecklingen abgelöst wurde.

Aus einer statistischen Erhebung von 1946 betreff Wiederaufbau entnehmen wir folgende Tabelle:

Zahl der Reisenden 

1939 

1945

mittlerer Tagesverkehr

 

 

ankommend 

820 

420

abfahrend 

860 

480

Ab 1947 ging die Eisenbahn in saarländischen Besitz über und hieß SEB (Saarländische Eisenbahn). Der Fahrplan der Eisenbahn- und Kraftpostlinien im Bliesgau von 1952 weist zwölf Züge in Richtung St. Ingbert und fünfzehn Züge in Richtung Homburg/Zweibrücken auf.

Ab 1957 wurde das ganze Bahnwesen in die Deutsche Bundesbahn mit der Bundesbahndirektion Saarbrücken integriert.

Weitere Bahnmitarbeiter, die in Würzbach tätig waren oder aus Niederwürzbach stammen: Werner Bartscherer, Peter Bieg, Johann Bruch, Otto Groh, August Haberer, Leo Hauck, Heinz Hess, Oskar Krämer, Ewald Krauß, Michael Meier, Peter Meiers, Ludwig Prechtl, Oswald Rebmann, Walter Schwarz, Otto Sutter, Rudolph Welsch, Stefan Welsch, Kurt Wesely, Otto Freyer, Werner Bartscherer.

Der Preis für den gefahrenen Bahnkilometer betrug 1961 in der zweiten Klasse 10 Pfennig.

Unsere Strecke ist im Laufe ihres Bestehens von vielen Personen- und Güterzügen befahren worden. Sie wurden von verschiedenen Dampf- und Dieselloks gezogen oder waren Triebfahrzeuge. Da unser Abschnitt nicht elektrifiziert ist, kann er nicht von Elektroloks befahren werden. Die Strecke Saarbrücken-Homburg wurde erst Anfang der sechziger Jahre elektrifiziert und bildet heute die Hauptverbindung aus dem Saarland.

Ende der sechziger Jahre wurden die Bahnübergänge von Voll- auf Halbschranken umgestellt. Da Lokalpolitiker und Eltern die Sicherheit von Kindern und Bürgern gefährdet sahen, wurde Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dies zu verhindern. Heute, gut 30 Jahre danach, kennt man nichts anderes als Halbschranken. Die alten Vollschranken dienen auch heute noch zur Begrenzung, allerdings einer Sandgrube. Sie sind total überwuchert und verrotten langsam. Um 1970 wurde der Güterschuppen von einer Abbruchfirma abgerissen. In Kürze entstand an seiner Stelle eine Parkfläche. Einst Umschlagplatz für die Güterbeförderung großer Teile des Gaues, war der Güterschuppen ein wichtiger Bestandteil der Bahn.

Einer der letzten Bahnmitarbeiter im Bahnhof war Egon Wesely. Der letzte Vorstand ist Walter Schwarz aus Lautzkirchen.

Nachdem der Bahnhof geschlossen wurde, wurde er 1980 verkauft. Die Ehepaare Lichter und Reiter eröffneten darin eine Kneipe, den ,,Bahnhof Würzbach".

Zum 1. Januar 1994 übernahm die private Deutsche Bahn AG die staatliche Bundesbahn.

Klaus Ruffing

Tabelle der Strecken in der Umgebung:

1.

Kaiserslautern-Homburg

35,09 km

01. 06. 1848

2.

Homburg-Bexbach (Grenze)

8,76 km

06. 06. 1849

3.

Neunkirchen-Saarbrücken

26,77 km

16. 11. 1852

4.

Homburg-Zweibrücken

12,00 km

07. 05. 1857

5.

Schwarzenacker-Hassel

14,03 km

26. 11. 1866

6.

Hassel-St. Ingbert

5,74 km

01. 06. 1867

7.

Zweibrücken-Reinheim (Grenze)

25,90 km

01. 04. 1879

8.

St. Ingbert-Scheidt (Grenze)

6,00 km

15. 10. 1879

9.

Saarbrücken-Scheidt

2,68 km

15. 10. 1879

10.

Hassel-Rohrbach-St. Ingbert

5,70 km

07. 09. 1895

11.

Homburg-Kirkel-Rohrbach

15,06 km

01. 01. 1904

12.

Zweibrücken-Hornbach

9,39 km

15. 12. 1913

13.

Hornbach-Brenschelbach

3,71 km

01. 10. 1916

Zwei dieser Strecken sind heute geschlossen. Nachdem die Hornbach-Bahn schon länger abgebaut ist, wurde die Bliestalbahn in unseren Tagen demontiert.

Josef Ritter und Edler von Traitteur

Bei meinen Nachforschungen über Dr. Johannes Rößler erzählte mir der in St. Ingbert lebende 88-jährige Dr. phil. Erich Bopp, der vielen ehemaligen Pfadfindern bekannt ist, daß in Niederwürzbach Anfang des Jahres 1890 ein Ritter und Edler getauft wurde. Mir kam sofort der Gedanke, dies im Taufregister der Pfarrei zu erkunden. Wie man aus nachfolgendem Eintrag ersehen kann, ist am 17. Januar 1890 ein Josephus de Traitteur getauft worden.

Sein Pate war der Bruder seiner Mutter, war Rechtsanwalt und stammte aus Trurhtersheim (Truchtersheim) im Elsaß, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Mich interessierte nun wo und wann dieser Josef geboren wurde. Beim Standesamt Blieskastel, wo jetzt sämtliche Geburts-, Heirats- und Sterberegister von Niederwürzbach aufbewahrt werden, ist im Geburtsregister unter 4 dieses Jahres 1890 folgender Eintrag zu finden:

Niederwürzbach am 22. Januar 1890

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der von Traitteur Carl Persönlichkeit nach bekannt der Bahnhofsverwalter Carl von Traitteur wohnhaft in Niederwürzbach protestantischer Religion, und zeigte an, daß von der Katharina von Traitteur geborene Alexander, katholischer Religion wohnhaft bei ihm in Niederwürzbach in seiner Wohnung am siebzehnten Januar des Jahres tausend acht hundert neunzig vormittags um acht Uhr ein Kind männlichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Joseph erhalten habe.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
Carl von Traitteur
B. Dreßler

Gemäß Verfügung des königlichen Landgerichts zu Zweibrücken vom 11. Mai 1890 wird berichtigend vermerkt, daß in nebigem Geburtsakt statt der Worte ,,Carl von Traitteur" gelesen werde ,,Carl Ritter von Traitteur".

Der Standesbeamte
B. Dreßler

Wie lange die Traitteurs in Würzbach gewohnt haben, weiß man nicht. Josef Ritter und Edler von Traitteur begann 1910 mit dem Wintersemester sein Studium in München und vollendete sein theologisches Studium in Würzburg, wo er am 2. August 1914, einen Tag nach der Mobilmachung zum ersten Weltkrieg, zum Priester geweiht wurde. Sein priesterliches Wirken begann er von 1914 bis Ende 1924 als Kaplan in Amorbach und Nüdlingen bei Bad Kissingen. Von 1925 bis 1932 war er Schloßkurat auf dem Schloß Löwenstein in Kleinheubach bei Mildenberg am Main, bei Fürst Alois zu Löwenstein, dessen Vater Fürst Karl Heinrich zu Löwenstein (1834-1921) 4 Jahre vorher gestorben war. Dieser war von 1872 bis 1898 Kommissar des Deutschen Katholikentages. Ab 1920 bis 1933 war es Fürst Alois zu Löwenstein und nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1947 dessen Sohn Fürst Karl zu Löwenstein. Die Löwensteins waren eine namhafte Laienfamilie und haben sich um den Deutschen Katholizismus verdient gemacht.

Von 1932 bis 1957 war Ritter und Edler von Traitteur Pfarrer in Rück-Schippach bei Mildenberg am Main. Er war ein von der Bevölkerung und von der Geistlichkeit geschätzter Priester. Als er 1957 in den Ruhestand trat, blieb er weiter in seiner Seelsorgegemeinde wohnen. Anläßlich seiner Pensionierung wurde ihm die Würde eines Ehrenbürgers von seiner Gemeinde verliehen. Von Traitteur, der 1974 sein diamantenes Priesterjubiläum feiern konnte, errang durch seine unermüdliche Hilfsbereitschaft, seine Güte und Selbstlosigkeit hohe Achtung und Verehrung bei der Bevölkerung. Am 2. Mai 1976 verstarb er 86-jährig in Rück-Schippach.

Peter Degel, St. Ingbert

Ein Niederwürzbacher Flurname: Am Bremmenweiher

Unsere Vorfahren betrieben eine ausgedehnte Teichwirtschaft, die nicht nur eine Fastenspeise lieferte, sondern damals auch für die Volksernährung bedeutsam war. Wo es möglich war, legte man Teiche an, die heute fast alle verschwunden, d.h. trockengelegt und anderweitiger Nutzung zugeführt worden sind. Zum Teil leben sie noch in Flurbezeichnungen wie ,,Am Bremmenweiher" weiter.

Wo lag dieser Bremmenweiher? Folgt man dem Pfad am Ende der Straße ,,Zur Schmalzgrube", so senkt sich dieser bald hinab in das sumpfige Tal des Kirkeler Talbachs, der etwas unterhalb in den Würzbach mündet. Wir befinden uns im Bereich des ehemaligen Bremmenweihers. Der Weiher ist verschwunden, die Weiherfläche durch Schlammablagerung weitgehend aufgefüllt und mit Erlen bewachsen. Reste des Dammes sind noch erhalten. An einer Engstelle – hier kommen sich die 230 m-Höhenlinien der beiden Talseiten sehr nahe – quert er das Tal, so daß man trockenen Fußes auf die andere Talseite gelangt. Unterhalb des Dammes weitet sich das Tal zum Würzbachtal hin.

In der Umgebung wachsen heute noch viele Bremmen, die dem Weiher ehemals den Namen gaben. Der Besenginster wird nämlich im Volksmund "Bremmen" genannt. Auch die ,,Goldene Bremm" auf der Gemarkung Saarbrücken verdankt dem gelbblühenden Besenginster ihren Namen.

Oberhalb des Bremmenweihers lag ein weiterer Weiher, der ebenfalls vom Kirkeler Talbach gespeist wurde, der Holzweiher.

Auf der Karte von Tilemann-Stella von 1564 sind die beiden Weiher nicht eingezeichnet, obwohl der Bremmenweiher bereits 1553 erwähnt wird: ,,Item oben an dem weyer zwischen Würtzbach und Castler wald ligt ein leichweyergen heißt Bremerweyergen" (Krämer, W., 1933, S. 33. Das Amt Blieskastel nach dem Bericht des kurtrierischen Amtmannes Hans Sulger vom Jahre 1553, Saarbrücken).

Anmerkung von Krämer: Man vermutet ,,Bremmen" = Ginster.

In einer Nachricht über die Weiher in der Herrschaft Blieskastel aus dem Jahre 1667 heißt es: ,,Item der Bremer Weyer bei Niederwürtzbach ist den 17. Marti 1666 besetzt mit großen Setzlingen von Hinsingen 457 Stück. Selbig dato in Holtzweiher von obgemelten Speißlingen gesetzt 300 Stück worden. Selbiger Weyher ist im Julio ausgerissen in der Nacht und sind die Fische alle in Bremer Weyer so er ist unten daran gelegen geblieben. Sind also darin 757 Stück" (Spies, H., 1977, S. 58. Burg, Schloß und Amt Blieskastel, Homburg).

Der Hinsinger Weiher gehörte zu dem lothringischen Dorf Welferdingen bei Saargemünd. Über diesen Weiher heißt es 1712, daß er 2500 Fische nähren kann (Kirch, J.P., 1932, S. 119. Geschichte von Welferdingen, Saarbrücken). Die genauen Zahlen setzen eine planmäßige Fischzucht voraus und bezeugen die hohe Bedeutung der Weiher in der damaligen Zeit.

Auch Ludwig Eid erwähnt bei seiner Aufzählung der vielen Weiher, die es zur Zeit der Regentschaft Mariannes von der Leyen (1775-1791) gab, den ,,Breimen- oder Bremenweiher" und den ,,Holzweiher" (Eid, L., - Krämer, W., 1980, S. 164. Reichsgräfin Marianne von der Leyen, St. Ingbert).

Doch schon für das Jahr 1804 heißt es: ,,Der Brehmenweiher wird, da der Damm ganz zernichtet ist, als Wiese benützt" (ein Bericht der Verwaltung Blieskastel aus dem Jahre 1804 mitgeteilt von Dr. Wolfgang Krämer, Gauting). Damit teilt der Bremmenweiher das Schicksal vieler anderer Teiche ,,rund um den Würzbacher Weiher".

Dieter Hemmerling

Unser Ehrenbürger Dr. Johannes Rößler

Porträt eines mannhaften Gegners des Nationalsozialismus

Immer wieder kann man die berechtigte Frage hören, wie der Nationalsozialismus in Deutschland einen solch beherrschenden Einfluß gewinnen konnte, der sich so verheerend auf einen Großteil der Welt auswirkte. Viel prekärer wird die Frage, wenn man sie ganz gezielt auf das Verhältnis Nationalsozialismus und die Bevölkerung unseres Heimatortes stellt. Für die jüngere und mittlere Generation wird es aus ihrer heutigen Sicht wohl immer unverständlich bleiben, wie eine politische Bewegung eine solche Staatsallmacht erringen konnte, insbesondere bei den von ihr verfolgten politischen, z.T. teuflischen Zielen.

Meines Erachtens war dies nur möglich, weil neben den verbohrten, alles bejahenden echten Nationalsozialisten die weitaus überwiegende Zahl der Bürger aus welchen Gründen auch immer - sei es aus Angst oder teilweiser Zustimmung - einen Kompromiß zwischen staatstreuem Verhalten und widerwilliger Gefolgschaft zum Nationalsozialismus suchte.

Die Zahl derer, die diesem Regime mehr oder weniger offen, aber doch unmißverständlich ihre Unterstützung versagten, war verschwindend gering. Offene Gegnerschaft war praktisch nur bis zur Saarabstimmung 1935 möglich, danach aber nur noch im Untergrund, und auch da mit Gefahr für Leib und Leben verbunden. Trotzdem gab es eine Reihe von Bürgern, deren oppositionelle Haltung allgemein bekannt war, wenn sie sich auch mit Taten zurückhielten. Hier läßt sich bei grober Übersicht eine Zweiteilung vornehmen: einmal eine politisch sozialistisch geprägte Gruppe, von denen einige sogar schwerste Verfolgungen teils bis zum Tod auf sich nahmen, zum anderen mehr Einzelpersonen, denen auch bei politischen Fragen ihr Gewissen stets höchste Richtschnur war. Aus letzterer nicht organisierter Gruppe ist einer besonders zu erwähnen, zumal er in unserer Dorfgeschichte deutliche Spuren hinterlassen hat.

Johannes Rößler wurde am 05. Februar 1882 in der Weinanbaugemeinde St. Martin als Sohn bescheidener Eltern geboren. Seine Jugend verbrachte er in Bergzabern, wo sein Vater beruflich tätig war. Hier besuchte er auch die damalige Lateinschule und machte im Jahre 1902 am Humanistischen Gymnasium in Landau das Abitur. Noch im gleichen Jahr begann er das Studium der Philosophie und Theologie an der Universität in Innsbruck. Im Jahre 1906 weihte Bischof Konrad von Busch (1905-1910) ihn im Dom zu Speyer zum Priester. Doch zunächst wurde er nicht als Seelsorger eingesetzt, sondern zum Weiterstudium nach Würzburg beurlaubt, wo er mit einer heute noch lesenswerten Dissertation zum Doktor der Theologie über den vorletzten Speyerer Fürstbischof Damian August Philipp Karl Graf von Limburg-Styrum (1770-1779) – der eine besondere Rolle spielte, als er sich entschieden gegen die romfeindlichen Machtansprüche der durch die ,,Emser Punktation" (1786) zusammengeschlossenen deutschen Erzbischöfe wandte, und 1794 vor den französischen Revolutionstruppen flüchten mußte, promovierte.

Nach Kaplanjahren in Lingenfeld, Dudenhofen, Offenbach (Pfalz), Ludwigshafen St. Sebastian, Neustadt, Deidesheim, als Pfarrverweser in Berghausen wurde Dr. Rößler 1916 Pfarrer in der westpfälzischen Diasporagemeinde Breitenbach. Der Krieg 1914-1918, das Kriegsende und die Nachkriegsnot waren in dieser Arbeitergemeinde besonders zu spüren, und so drängte es den begabten Seelsorger schon bald in die Politik. Dr. Rößler war zwar im Herzen Monarchist geblieben, doch stand er hinter der Weimarer Verfassung, weil er in ihr einen Garanten der Ruhe und Ordnung sah. Von 1925 bis 1928 wirkte er in der großen Stadtpfarrei Zweibrücken, die wegen ihrer unglücklichen Grenzlage unter besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten litt.

Aus dieser Zeit kann sich der in St. Ingbert wohnende heute 88-jährige Dr. phil. Erich Bopp, der damals in Zweibrücken bei ihm Meßdiener war, besonders an seine lehr- und geistreichen Predigten erinnern.

Im Frühjahr, am 16. 04. 1928, wurde er als Studienprofessor an das altsprachliche Gymnasium in Landau/Pfalz versetzt. Sein gediegenes Wissen, sein überzeugendes Lehrgeschick, aber auch sein reicher Humor ließen ihn bald zu einem geschätzten Pädagogen werden. Dies bestätigte mir ein ehemaliger Schüler von ihm, der heute 83-jährige Arzt Dr. Hermann Gerau aus Landau. In einer Würdigung im Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte kann man lesen: ,,Dr. Johannes Rößler zählt zu den markanten Lehrerpersönlichkeiten am Landauer altsprachlichen Gymnasium".

Sein Temperament, sein Mut zum freien Wort, sein reiches Wissen über geschichtliche und politische Ereignisse führten Dr. Rößler unwillkürlich in das politische Geschehen jener Kampfzeit des Nationalsozialismus. Als überzeugter Christ stand er an führender Stelle der BVP (Bayerische Volkspartei), in Wort und Schrift nahm er damals Stellung zu brennenden Fragen der Zeit und kämpfte gegen den Ungeist der NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei), die gerade in der Vorderpfalz eine starke Position gewonnen hatte. Er war überzeugt, daß die Kirche nicht im Ghetto bleiben dürfe, sondern sich um die Dinge des öffentlichen Lebens kümmern müsse. Darum befürwortete er die Teilnahme des Klerus am politischen Leben und trat selbst mannhaft für die Grundsätze christlicher Politik ein.

Seinem Wirken wurde mit der Machtergreifung Hitlers ein jähes Ende gesetzt. Es läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit ausmachen - die schriftlichen Quellen jener Zeit wurden fast alle 1945 vernichtet -, ob Rößlers historische Abhandlung zur Jahrhundertfeier des Hambacher Festes oder ein Zusammenstoß mit einem Ortsgruppenleiter der NSDAP in der Südpfalz, dem späteren Kreisleiter von Landau, der eigentliche Anlaß für Rößlers Leidenszeit im Dritten Reich gewesen ist. Bald bereitete man ihm Schikanen aller Art, die ihm schließlich Beruf und Heimat nahmen. Am 01. Dezember 1933 wurde er durch das Kultusministerium auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ohne Pensionsanspruch aus dem Staatsdienst entlassen. In dem Jahresbericht der Schule heißt es in der damaligen offiziellen Sprachregelung: ,,Auf sein Ansuchen aus dem Staatsdienst entlassen".

Der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian (1917-1943) versetzte den entlassenen Lehrer als Pfarrer nach Niederwürzbach, also in unser Dorf, das damals mit dem Saargebiet noch nicht zum ,,Reich zurückgekehrt" war. Aber auch hier machte man Dr. Rößler nach kurzer Zeit das Leben wieder schwer.

Der in Niederwürzbach ,,amtierende" Kaplan Heinrich Wagner aus Rohrbach (Saar), der hier seine erste Stelle hatte, schreibt in der Pfarrchronik: ,,Zum neuen Hirten der Niederwürzbacher Schäflein wurde der hochwürdige Herr Pfarrer Dr. Johannes Rößler ernannt, der ein Opfer der Zeitverhältnisse - seine Stelle als Religionslehrer am Humanistischen Gymnasium in Landau aufgeben mußte".

An Ostern, dem 01. 04. 1934, übernahm Pfarrer Dr. Rößler hier seine neue Pfarrei St. Hubertus. Der Chronist schreibt: ,,Der neue Pfarrer, der im Hinblick auf die frühere politische Betätigung, wie es in einem Ministererlaß heißt, aus seinem Amt als Studienprofessor für katholische Religionslehre am Humanistischen Gymnasium in Landau ausscheiden mußte, trat an Ostern seine Stelle an". Um allen falschen Deutungen (er war ein politisch Verfolgter) von vornherein den Boden zu entziehen, gab er in seiner ersten Predigt ein klares Bild der Vorgänge, die ihn zur Übernahme der Saarpfarrei Niederwürzbach veranlaßten.

Von einer eigenen Installationsfeier wurde mit Rücksicht auf die besonderen Umstände abgesehen. Eine weltliche Einführungsfeier fand am Sonntag, dem 22. April 1934, im damaligen Saale Krämer statt, bei der Kaplan Wagner die Begrüßungsrede hielt.

Die Zeitung berichtete am 23. April 1934 über diese Feier: ,,Am Sonntag, 22. April, fand im Saale Krämer eine Katholikenversammlung statt, zu gleicher Zeit als offizielle Installationsfeier unseres neuen Herrn Pfarrers Professor Dr. Johannes Rößler. Die Einwohnerschaft hatte sich sehr zahlreich hierzu eingefunden. Nach dem Begrüßungslied des Pfarrcäcilienvereins und der Choralschule wurde der neue Herr Pfarrer von verschiedenen Körperschaften, so von Bürgermeister Johann Rolot im Namen der Gemeinde, von der Lehrerschaft durch Ottmar Allgayer und von der Verwaltung des Kirchenrates recht herzlich begrüßt und willkommen geheißen. Dekan Stabel des Bezirkes St. Ingbert stellte den neuen Seelenhirten der Gemeinde vor und wünschte ihm viele Jahre segensreichen Wirkens und Schaffens in Gottes Namen. Darauf ergriff Professor Dr. Rößler selbst das Wort zu einer Ansprache, wobei er besonders hervorhob, wie ihn die allgemeine Teilnahme freue und er fast bedauere, nicht dem Wunsche nachgegeben zu haben, eine klangvolle Installationsfeier zu veranstalten, die, wie er in seiner ersten Predigt erwähnte, die Verhältnisse ihm nicht gestatteten. Er dankte vor allem Kaplan Wagner für sein schweres Amt, das die ganze Zeit allein auf seinen Schultern ruhte, da Pfarrer Deck (Vorgänger von Pfarrer Rößler, der aus dem 1. Weltkrieg mit erfrorenen Füßen nach Hause kam und öfters mal operiert werden mußte) infolge Krankheit sich vom Amte zurückziehen mußte. An alle Pfarrangehörigen, an die katholische und politische Gemeinde richtete er einen warmen Appell, Vertrauen zu ihm zu haben, damit in gemeinsamer Arbeit ersprießliches geleistet werden könne. Nach Vortrag einiger feierlicher Lieder durch den Cäcilienverein und die Choralschule fand die schlichte Feier ihren Abschluß".

Hier im Saargebiet hatte Dr. Rößler vorerst vor den Nationalsozialisten Ruhe. Er beobachtete aber genau die politische Szene im Reich. Die katholische Jugend, die als einziger Verband nicht in die Hitlerjugend eingegliedert war, versuchte man durch einzelne Verbote und Reglementierungen zum Beitritt zu zwingen. Hitler baute seine Macht weiter aus, als er am 30. Juni 1934 Röhm, den Führer der SA (Sturm-Abteilung), und weitere hohe SA-Führer von SS-Leuten (Sturm-Staffel) erschießen ließ. Ein willkommenes Ereignis war der Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 02. August 1934. Einen Tag vor dessen Tod hatte die Reichsregierung schon durch Gesetz die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers bestimmt.

Am 02. August gingen somit alle Befugnisse des Reichspräsidenten auf Hitler über. Dieser ließ verlauten, daß er den Titel erst führen wolle, wenn das Volk in einer Abstimmung darüber entschieden habe. Weiter verfügte er, daß er in Zukunft nur noch als Führer und Reichskanzler angesprochen werden wollte. Ab dieser Zeit mußten die Soldaten den Eid auf den Führer ablegen, und nicht mehr auf Volk und Vaterland.

Die Abstimmung der Saarbevölkerung am 13. Januar 1935 über ihr zukünftiges politisches Schicksal brachte Adolf Hitler einen überwältigenden Erfolg. Von den abgegebenen Stimmen entschieden sich 477.119 für Deutschland, 46.513 für den Status quo, 2.134 für Frankreich. Hitler ließ verkünden, daß die 90,8 % der Stimmen ihm gegolten hätten, was bestimmt so nicht der Fall war. Die Mehrheit der Saarbevölkerung wollte wieder zu Deutschland, aber nicht in eine Tyrannei und Unfreiheit.

Anteil an diesen Mehrheitsverhältnissen hatte sicher auch ein entsprechender Aufruf der beiden für das Saargebiet zuständigen Bischöfe von Trier und Speyer zugunsten einer Heim-ins-Reich-Entscheidung, den Dr. Rößler mit dem Zusatz verlaß, daß der Bischof in dieser Frage keinen Gewissensdruck auf die Gläubigen ausüben könne.

Dr. Rößler, der die Verhältnisse in Deutschland aus eigener Anschauung kannte, trat für den Status Quo ein, da er wußte, daß es sonst im Saargebiet genauso kommen würde, wie es bereits in Deutschland war: Viele Verbote und Gesetze gegen freie Meinungsäußerung und Demokratie.

Vom Völkerbund wurde die Saarabstimmung anerkannt und dieser beschloß am 17. Februar 1935 mit Zustimmung der französischen Regierung, das Saargebiet offiziell am 01. März 1935 mit dem Deutschen Reich zu vereinigen. Dieser hatte jedoch von der Reichsregierung eine einjährige Schutzfrist abgerungen, so daß alle Reichgesetze erst im März 1936 für das Saargebiet in Kraft traten. Damit kamen für Dr. Rößler die Verhältnisse, wie sie in Landau waren. Er mußte aufpassen, was er predigte, und auch auf seine sonstigen Äußerungen und Taten achten. So sagte ihm mal ein Gestapo-Spitzel (Geheime Staatspolizei) nach dem Gottesdienst am Sonntag: ,,Interessant, aber haarscharf an der Grenze vorbei". Dr. Rößler blieb seiner Linie immer treu. Von den Schikanen und Nachstellungen, denen er ausgesetzt war, können nur wenige Beispiele angeführt werden.

Im Jahre 1936 kam der Pfarrer zu meinem Vater und bat ihn, im Hof des Pfarrhauses eine Fahnenstange aufzustellen, an der man eine Hakenkreuzfahne aufziehen könne. Er habe nämlich von der Behörde ein Schreiben bekommen, daß alle öffentlichen Gebäude, also auch die Kirche, an dem darauffolgenden Sonntag beflaggt werden müßten. Auf die Frage meines Vaters, warum die Fahnenstange in den Pfarrhof und nicht an die Kirche soll, antwortete der Pfarrer wörtlich: ,,Der rote Fetzen kommt mir nicht an die Kirche".

Am Samstag vor diesem besagten Sonntag nahm mein Vater meinen Bruder Lorenz und mich mit den notwendigen Werkzeugen mit zum Pfarrhaus. Dort wartete schon der Pfarrer und zeigte uns einen Baum im Pfarrgarten, den wir für die Fahnenstange nehmen sollten. Der Baum war schnell abgesägt. Mein Vater richtete die Stange her. Mein Bruder und ich mußten direkt neben der Mauer im Pfarrhof ein Loch graben. Als die Fahnenstange stand, wollte mein Vater die Fahne hochziehen, doch Dr. Rößler bestand darauf, daß sie erst am nächsten Tag hochgezogen werden sollte. Am Sonntagmorgen, auf dem Weg zum Amt, hat mein Vater die Fahne im Pfarrhof hochgezogen. Ich half ihm dabei. Dennoch sollte die ganze Aktion unliebsame Folgen haben.

Als wir Buben montags aus der Schule nach Hause kamen, saß meine Mutter in der Küche und weinte. Sie sagte, den Vater hätten zwei Männer abgeholt und mit dem Auto weggefahren. Als wir abends zu Bett gingen, war er immer noch nicht zurück. Wie wir am nächsten Tag erfuhren, war er nach Saarbrücken zur Gestapo gebracht und den ganzen Tag über immer und immer wieder wegen der Fahnenhissung befragt worden. Daß auch der Pfarrer in Saarbrücken war, stellte er während des Verhörs fest, da sie ihm sagten, er könne ruhig zugeben, daß nicht geflaggt war, der Pfarrer hätte das eben zugegeben. Genauso hatte man dem Pfarrer gesagt, daß mein Vater zugegeben hätte, er hätte die Fahne nicht hochgezogen. Wie sich so herausstellte, spielte man den Pfarrer gegen meinen Vater durch Verdrehen der Aussagen gegeneinander aus. Dies ging so bis zum Abend, bis mein Vater den Herren sagte: ,,Wenn Sie mir nicht glauben wollen, daß ich die Fahne hochgezogen habe, dann glauben Sie wenigstens einem Frontsoldaten vom Krieg" (gemeint war 1914-1918). Daraufhin haben sie ihn freigelassen. Zu allem Übel mußte mein Vater nach diesem langen Tag zu Fuß von Saarbrücken nach Hause laufen, da er in seiner Arbeitskleidung kein Geld bei sich hatte.

Obwohl die Fahne von mehreren Leuten gesehen wurde, wurde Pfarrer Dr. Rößler wegen Zuwiderhandlung gegen das Reichsflaggengesetz vom Amtsgericht Blieskastel verurteilt.

Aufgrund einer Anzeige im September 1937 eines Parteigenossen (namentlich im Strafbefehl gegen Pfarrer Dr. Rößler vermerkt) wurde der Pfarrer aus dem Religionsunterricht geholt und zum Verhör ins Bürgermeisteramt gebracht. Ihm wurde von der Gestapo vorgeworfen, er hätte verbotene Haussammlungen zur Anschaffung von kirchlichen Gegenständen veranstaltet. Richtig war, daß in jeder Straße bestimmte Frauen freiwillig für die Verschönerung des Gotteshauses Geld gesammelt hatten. Der Pfarrer hielt dies für einwandfrei, weil nach dem Sammlungsgesetz Sammlungen in einem bestimmten Personenkreis, der unter sich bekannt und durch gemeinsame ideelle Zwecke verbunden war, stattfinden durften. Mehr als zwei Jahre hatte kein Mensch und keine Behörde etwas beanstandet. Er gab den Tatbestand offen zu, zumal die Sammlungen in aller Öffentlichkeit bekannt waren. Er sollte die Gegenstände benennen, die mit dem Geld angeschafft worden waren. Schließlich einigte sich der Gestapo-Mann mit ihm dahin, daß die Altarschellen als ,,corpus delikti" angegeben wurden. Diese wurden dann im Pfarrhaus sicher gestellt. Der Pfarrer erhielt daraufhin am 07. Februar 1938 vom Amtsgericht Blieskastel einen Strafbefehl in Höhe von 200,00 Reichsmark und zusätzliche Kosten in Höhe von 12,50 Reichsmark.

Wie ich in diesem Zusammenhang von meiner Schwester, die im Pfarrhaus als Aushilfe beschäftigt war, erfuhr, kam eines Tages der Polizist Molter von Niederwürzbach ins Pfarrhaus, um die Altarschellen abzuholen. Er hatte eine Tasche dabei, in der aber nur eine Schelle Platz fand. Er wollte Packpapier zum Einwickeln der anderen Schelle haben, doch der Pfarrer hatte keines im Hause. So ist der Polizist mit der einen Schelle abgezogen und kam nach einiger Zeit wieder, um die andere zu holen. In der Pfarrchronik ist hierzu noch zu lesen, daß am 10. Juni 1938 alle Pfarrämter in der Nachbarschaft von der Bezirks-NSV (Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt) ein Angebot für Altarschellen erhielt, doch sei davon kein Gebrauch gemacht worden.

Eine weitere Aktion der Polizei, die aber den Pfarrer nicht persönlich betraf, war die Gleichschaltung der Jugendverbände. Die katholischen Jugendvereine, die im Reich schon früher in die HJ (Hitlerjugend) und BDM (Bund deutscher Mädel) eingegliedert wurden, hatten im Saargebiet noch eine kleine Schonfrist. Am 25. Januar 1938 wurde das dem verbotenen Jungmännerverein und der Marianischen Jungfrauenkongregation gehörende Vermögen beschlagnahmt, einschließlich der Bücherei und des Harmoniums des Kirchenchors.

Als am 01. September 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach, wurden die Bewohner von Niederwürzbach evakuiert. Pfarrer Dr. Rößler nahm eine Einladung von Verwandten an und ging mit seinen zwei Cousinen (Haushälterinnen) nach Leipheim in Württemberg. Von hier aus versuchte er, seine ,,Schäflein" zu finden, die er im Allgäu vermutet hatte. Doch diese waren in aller Herren Länder zerstreut, und zwar in Thüringen, Ober-, Mittel- und Unterfranken, Sachsen, ja sogar viele im Ruhrgebiet. Die meisten waren wohl in Oberfranken, und so ließ er sich schließlich in Kronach in Oberfranken nieder. In der ganzen Umgebung besuchte er meist zu Fuß seine Pfarrkinder und blieb mit ihnen in gemeinsamen Gottesdiensten verbunden.

Seine Tätigkeit in Kronach wurde durch seine Berufung auf die verwaiste Pfarrei Burrweiler/Pfalz unterbrochen. Damit begann für den Pfarrer eine düstere Episode. Am Tage, bevor er in Burrweiler eintraf, war vom Armee-Oberkommando in Wiesbaden eine Verordnung in Kraft gesetzt worden, daß jeder, der in der sogenannten ,,Grünen Zone" (Operationsgebiet) seinen Wohnsitz aufnehmen wollte, dazu eine besondere Zulassung benötigte. Dieses Umstandes bedienten sich die alten politischen Gegner in der Kreisleitung in Landau, um den mißliebigen Geistlichen von Burrweiler fernzuhalten. So wurde ihm der Zuzug verweigert und die Lebensmittelkarten gesperrt. Obwohl er alle denkbaren Schritte unternahm, um die Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, obwohl das Bischöfliche Ordinariat sich für ihn einsetzte und er persönlich beim Armee-Oberkommando in Wiesbaden vorsprach und auch die Kreisleitung Landau aufsuchte, obwohl er Evakuierter war, dem viel gestohlen worden war, verweigerte man ihm die Zuzugsgenehmigung.

Das Bezirksamt Landau stellte ihm ein Schreiben zu, wonach er am 11. Februar 1940 Burrweiler und die ,,Grüne Zone" zu verlassen habe, ,,widrigenfalls er mit Polizeigewalt zwangsweise abgeschoben werden würde". Daraufhin kehrte er nach Oberfranken zurück und nahm seine Tätigkeit bei seinen Pfarrkindern in den verschiedenen Pfarreien um Kronach wieder auf.

Endlich am 09. August 1940 war der langersehnte Tag gekommen, der den Pfarrer aus dem Frankenland heimbringen sollte. Große Freude herrschte, als der Zug am 10. August gegen 9.00 Uhr auf dem Bahnhof in Würzbach hielt. Die Glocken läuteten, und der Pfarrer brauchte über eine Stunde, bis er sein Pfarrhaus erreichen konnte, so viele Hände streckten sich ihm entgegen. Doch bevor er das Pfarrhaus betrat, ging er zuerst in die Kirche.

Im Sommer 1941 sollte Dr. Rößler zum wiederholten Mal die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten gegen Nonkonformisten spüren. Er wurde wieder vom Amtsgericht Blieskastel wegen eines Vergehens gegen das Reichsflaggengesetz verurteilt und erhielt einen Strafbefehl in Höhe von 200,00 Reichsmark und Gebühren von 10,00 Reichsmark. Was hatte er verbrochen? Der neue Kaplan Weiler, mit den gesetzlichen Bestimmungen nicht vertraut, hatte an der Spitze der Fronleichnamsprozession zwei weiß-rote Kirchenfahnen mitgetragen, die vorher von Meßdienern im Amt am Altar getragen wurden. Zwei bekannte Persönlichkeiten von Niederwürzbach hatten auf höhere Anweisung, wie sie sagten, die Prozession beobachtet und festgestellt, daß zwei verbotene Fahnen bei der Prozession mitgetragen wurden. Dies hatten die beiden ihrem Auftraggeber (Gestapo) gemeldet, der dann prompt reagierte. Mir ist bekannt, daß mindestens zwei kirchliche Fahnen (rot-weiß), die aus Anlaß der Fronleichnamsprozession zwei Häuser schmückten, am darauffolgenden Tag beschlagnahmt wurden.

In seiner Amtszeit in Niederwürzbach wurde Herr Pfarrer Rößler einmal wegen verbotener Sammlungen bestraft, zweimal erhielt er Strafbefehle wegen Zuwiderhandlung gegen das Reichsflaggengesetz, dreimal hatte er Hausdurchsuchungen zu erleiden, und viele Verhöre mußte er über sich ergehen lassen. Aufregungen waren seine ständigen Begleiter.

In dem Maße aber, wie die Partei durch ihre Kriegssorgen in Anspruch genommen wurde, wurden die Schikanen weniger empfindlich. Dagegen sind die gottesdienstlichen Veranstaltungen immer wieder erschwert oder unmöglich gemacht worden durch gleichzeitige Veranstaltungen der Partei. So hatten die Sonntagsmessen, der Religionsunterricht in der Kirche sowie Andachten viel zu leiden. Besonders hervor tat sich auch die örtliche Leitung der Hitlerjugend, die ihren Ehrgeiz daran setzte, den Pfarrer ihre Macht spüren zu lassen.

Als im Dezember 1944 die ersten Granaten in Niederwürzbach einschlugen und auch das Pfarrhaus getroffen wurde, suchte er mit seinen Verwandten in seiner ersten Pfarrstelle Breitenbach Zuflucht, wo er mit offenen Armen aufgenommen wurde. Als am 19. März für die Niederwürzbacher der Krieg vorbei war, kehrte Pfarrer Dr. Rößler kurze Zeit später wieder zurück. Der Anblick der Kirchenruine erschütterte ihn stark.

Nicht nur in Deutschland war Dr. Rößler als Gegner des NS-Regimes bekannt, auch die Amerikaner wußten über die Gegnerschaft bestens Bescheid, wie dies ein amerikanischer Offizier ihm gegenüber kundtat.

Es sollte wohl eine gewisse, wenn auch etwas späte Anerkennung sein, als der Bischof von Speyer 1942 Dr. Johannes Rößler zum Geistlichen Rat ernannte und sich damit offen zu dem unerschrockenen Priester bekannte.

Die Leidenszeit aber fand erst nach dem Untergang des Dritten Reiches ihr Ende. Die harten Jahre des Kampfes und die Verfolgung jedoch waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Im Dezember 1945 übernahm er darum die ,,leichte" Pfarrei Großfischlingen, die er bis 1951 als Seelsorger versah. Eine Rückkehr an seine alte Schule war ihm aus Gesundheitsgründen nicht mehr möglich. Eine Rehabilitierung erfuhr er allerdings insofern, als ihm 1953 zur Wiedergutmachung des ihm von den Nazis zugefügten Unrechts Namen, Rechte und Ansprüche eines Studienprofessors zurückgegeben wurden. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zwar krank, aber immer noch zur seelsorgerischen Hilfe bereit, in Annweiler. Am 03. März 1965 verstarb er im Krankenhaus in Ludwigshafen und wurde in seiner Heimatgemeinde St. Martin unter Teilnahme auch von Delegierten unserer politischen und kirchlichen Gemeinde beerdigt.

Ein Mann wie Dr. Rößler, der so sehr unter der politischen Verfolgung gelitten hatte, hätte seine politischen Grundsätze verraten, wenn er nicht auch seinen Anteil an dem Neuaufbau unseres demokratischen Staates geleistet hätte. Hier gehört er zu den Männern der ,,ersten Stunde" der Nachkriegszeit. Dafür verlieh ihm der Bundespräsident durch den Kultusminister von Rheinland-Pfalz Dr. Orth in Annweiler in Anwesenheit von Bischof Dr. Isidor Emanuel (1953-1968) das Bundesverdienstkreuz am Bande. 1959 erhielt er vom bayerischen Ministerpräsidenten Hans Seidel den Bayerischen Verdienstorden ,,für hervorragende Dienste um den Freistaat Bayern". Dr. Rößlers Dienst an der Kirche und sein jahrzehntelanger Einsatz für den Priesterverein des Bistums Speyer, dessen Ehrenvorsitzender er war, wurden mit der Verleihung am 01. Februar 1954 der hohen Würde eines Päpstlichen Hausprälaten geehrt.

Die Bevölkerung von Niederwürzbach hatte ihren beliebten Seelsorger in ihre Herzen geschlossen.

In Würdigung seiner Verdienste um seine frühere Pfarrei und die Gemeinde beschloß der Gemeinderat unter Bürgermeister Schaller 1957, ihm den Ehrenbürgerbrief von Niederwürzbach zu überreichen. Eine Straße in unserem Ort trägt heute seinen Namen.

Peter Degel, St. Ingbert

 

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